In Memoriam: Dr. sc. Detlef Nakath (1949-2021)

10. November 1949 - 3. Oktober 2021

Erschüttert und tief bewegt haben wir erfahren, dass Dr. Detlef Nakath am 3. Oktober 2021 verstorben ist.

Er war Mitglied der Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg, von 1996 bis 2006 Mitglied im Vorstand, darunter viele Jahre stellvertretender Vorsitzender, und schließlich in den Jahren 2006 bis 2015 ihr Geschäftsführer. Insbesondere thematisch hat Detlef Nakath die Arbeit unseres Vereins in Brandenburg und weit darüber hinaus geprägt, durch seine zeitgeschichtlichen Forschungen und die Etablierung der Potsdamer Kolloquia zur Deuschland- und Außenpolitik. Dass sich die RLS Brandenburg zu einem weithin anerkannten Ort historisch-politischer Bildung entwickelte, haben wir maßgeblich ihm und seinen vielfältigen Kontakten zu verdanken.

Eine Würdigung von Holger Politt

von Dr. Holger Politt (Leiter des Büros der RLS in Warschau, Mitglied der RLS Brandenburg)


Im März 2018 wurde in Zamość die Gedenktafel für Rosa Luxemburg entfernt, die im Geburtsort an den 5. März 1871 erinnert hatte. Von Regierungsseite war behauptet worden, eine öffentliche Ehrung für Rosa Luxemburg könne wegen der geltenden Gesetzeslage, wonach kommunistische Propaganda im öffentlichen Raum verboten sei, nicht mehr hingenommen werden. Im staatlichen Geschichts- und Erinnerungsinstitut IPN wurde eine Expertise in Auftrag gegeben, aus der nun ganz im Sinne des Auftraggebers herausgestellt wurde, dass Rosa Luxemburg erstens eine enge Kampfgefährtin von Feliks Dzierżyński gewesen sei, dass zweitens die Gedenktafel im Auftrag des Zentralkomitees der PVAP, der einstigen Staatspartei, in der Stadt angebracht worden sei. Mögen die Argumente auch vorgeschoben sein, es ging vor allem darum, Rosa Luxemburg mit einem offensiven Angriff endgültig aus dem öffentlichen Raum Polens zu verdammen.

Zur gleichen Zeit fand sich im Parlament ein Sejm-Abgeordneter, seines Zeichens von Beruf graduierter Zeithistoriker, der nun den besonders scharfen Besen kehrte. In parlamentarischen Anfragen an fünf Ministerien forderte er direkt dazu auf, die Tätigkeit einer Einrichtung in Polen zu verbieten, die sich verbotenerweise mit dem Namen Rosa Luxemburgs schmücke. Es ging um das Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Warschau, die Anfrage wurde gerichtet an das Innen-, Außen-, Kultur-, Justiz sowie Hochschulministerium. Angefragt waren damit neben den zuständigen Ministern auch zwei stellvertretende Ministerpräsidenten, die wenigstens damals eine herausragende Rolle im nationalkonservativen Regierungsreigen spielten.

In den Antworten wurde dem beunruhigten Abgeordneten unisono beschieden, dass dessen Zielstellung nachvollzogen werden könne, sie sei durchaus berechtigt, doch seien der Regierungsseite die Hände gebunden, weil die Gesetzeslage ein Verbot ausländischer Einrichtungen wegen eines störenden Namens nicht ermögliche. Das zu ändern sei aber vielmehr die Aufgabe des Parlaments, nicht die der Regierung. Kurzum, die Regierenden hätten sofort eingegriffen, wenn es sich um eine polnische Einrichtung gehandelt hätte.

Zu Hause in Berlin machte sich vor allem ein Mann allergrößte Sorgen – Detlef Nakath, damals Vorstandsmitglied der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Er überzeugte Dagmar Enkelmann, die Vorstandsvorsitzende, gemeinsam mit ihm schnellstmöglich in Warschau das Büro aufzusuchen. Es ging vor allem darum, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die volle Unterstützung durch die Stiftung zuzusichern, außerdem ein klares Zeichen zu setzen, wie stolz man auf den Namen dieser herausragenden Persönlichkeit der Zeitgeschichte sein könne. Bei einer Aussprache im RLS-Büro wurde nun umgekehrt den Besuchern aus Berlin bedeutet, welch wichtiger Platz und Ort Polen und insbesondere Warschau für die internationale Rosa-Luxemburg-Forschung sei, auch wenn derzeit kräftig auf die namhafte Sozialistin geschossen werde.

Detlef Nakath hatte sich seitdem an verschiedener Stelle verlässlich dafür eingesetzt, diesen wichtigen Schatz für die RLS nicht aus den Augen zu verlieren und nach geeigneten Möglichkeiten zu suchen, wie die wertvollen Materialien, Dokumente und Ergebnisse, die mit der Arbeit des RLS-Büros in Warschau zusammenhängen, einer breiteren Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden können. Und ausdrücklich stärkte er in der Folgezeit Krzysztof Pilawski und den Autor dieser Zeilen darin, anhand noch vorhandener Spuren in den Archiven und anderswo der Familiengeschichte Rosa Luxemburgs zu folgen und die Ergebnisse in einer geeigneten Form der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.

Nun ist Detlef Nakath am 3. Oktober 2021 im Alter von 71 Jahren verstorben. Mit ihm verliert das RLS-Büro in Warschau einen aufmerksamen und wachsamen Wegbegleiter. Detlef Nakath war unter Deutschlands Linken wohl der verlässlichste und kenntnisreichste Sachwalter für die nicht immer leicht zu durchschauenden Zusammenhänge im östlichen Teil Europas.

Nachruf von Manfred Neuhaus und Gerd-Rüdiger Stephan für die RLS

Ein Nachruf von Prof. Dr. Manfred Neuhaus und Gerd-Rüdiger Stephan

erschienen auf der Internetseite der Rosa-Luxemburg-Stiftung (Link)

Abschied von einem gelehrten Freund: Dr. Detlef Nakath verstorben

Mit großer Trauer und tiefem Schmerz beklagen wir den Tod unseres lieben Freundes und hochgeschätzten Kollegen Detlef Nakath. Es ist tragisch, dass nicht einmal zwei Jahre vergingen, seit wir seinen 70. Geburtstag würdigten.

Detlef war ein gebürtiger Berliner und beschritt zunächst den für seine Generation nicht völlig untypischen DDR-Lebensweg: auf das Abitur folgte der Grundwehrdienst, dann das Studium, nämlich der Geschichtswissenschaft und des Völkerrechts an der Humboldt-Universität zu Berlin. Der Titel der 1981 verteidigten Dissertation lautet sehr zeitgemäß «Die Gestaltung der Außenhandelstätigkeit der DDR zur Abwehr des imperialistischen Wirtschaftskrieges der BRD gegen die DDR 1955 bis 1961». Die Promotion B, die in der DDR übliche Habilitation, erweiterte den historischen Untersuchungsgegenstand in Chronologie und Forschungsperspektive («Zur Geschichte der Handelsbeziehungen zwischen der DDR und der BRD in den Jahren zwischen1962 und 1975»).

Nach der «Wende» wurde dem berufenen Hochschuldozenten und demokratisch gewählten stellvertretenden Institutsdirektor Detlef Nakath der Stuhl mit fragwürdiger juristischer Finesse vor die Tür gesetzt. Die demütigende Kündigung beendete für Tausende Wissenschaftler nicht nur abrupt die akademische Laufbahn, sondern bedeutete für viele von ihnen auch das jähe Ende jeglicher Forschungsarbeit.

Im Unterschied zu manchen, die einsam und resigniert verstummten, fand Detlef Nakath gemeinsam mit Freunden den Mut, die Willenskraft und die schöpferische Energie für einen neuen Anfang. Deshalb können wir heute ein opulentes wissenschaftliches Œuvre bewundern, das nach einem Drittmittelintermezzo bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft hauptsächlich unter dem Dach des Stiftungsverbundes der heutigen Partei Die Linke entstanden ist.

So erschien seit 1993 unter seiner maßgeblichen Mitwirkung im «Hausverlag» Karl Dietz Berlin eine siebenbändige Reihe mit Dokumenteneditionen und -kommentaren zur DDR-, SED- und deutsch-deutschen Geschichte der achtziger Jahre, die große Anerkennung erfuhr.

Als wissenschaftlicher Mitarbeiter der PDS-nahen Berliner Landesstiftung «Helle Panke» engagierte sich Detlef Nakath viele Jahre für geschichts- und gesellschaftspolitische Bildungsprojekte, so vor allem die «hefte zur ddr-geschichte», von denen weit über 100 Ausgaben interessierte Leser fanden. Detlef war Mitherausgeber, er verbürgte Themenvielfalt und wissenschaftliche Dignität.

Ein Wechsel des Wohnortes führte schließlich dazu, dass an die Stelle der «Hellen Panke» als neues Hauptbetätigungsfeld die in Potsdam ansässige Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg trat. Dort hatte er bereits 1997 mit dem «Außen- und Deutschlandpolitischen Kolloquium» eine Veranstaltungsreihe initiiert, welche die Diskurse über Zeitgeschichte und Geschichtspolitik reflektierte und danach strebte, auf sie Einfluss zu nehmen. Eine lange Reihe von Konferenzbänden dokumentiert alle einschlägigen Bemühungen. Es wurden die ersten Förderpreise für wissenschaftliche Talente und junge Publizisten verliehen, eine auch noch heute attraktive jährliche Tradition in Potsdam.

Detlef Nakath hat seit 2006 als Geschäftsführer ein Jahrzehnt lang mit Fortune und kühnen Ideen die Geschicke der Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg geleitet und wird uns auch deshalb in bester Erinnerung bleiben.

Von 2014 bis 2019 bewegte er als Vorstandsmitglied der Bundesstiftung Rosa-Luxemburg noch so manches, denken wir an die gemeinsamen Geschichtsdebatten mit der Friedrich-Ebert-Stiftung, oder an historische Projekte im Zusammenwirken mit den Stiftungsdependancen in Warschau, Moskau, Prag und Tel Aviv. Mit seinem Namen sind auch die Entstehung und das Gedeihen des Historischen Zentrums Demokratischer Sozialismus als neuer Stiftungsstruktur eng verbunden. Auch hier, wie in der Clara-Zetkin-Stiftung unter dem Dach der Rosa-Luxemburg-Stiftung, der er bis zuletzt vorstand, hinterließ er kräftige Spuren.

Im Januar 2020 veröffentlichte der Karl Dietz Verlag noch einen Band, den er als Koautor zu Druck befördert hatte: «Ausschluss. Das Politbüro vor dem Parteigericht. Die Verfahren 1989/90 in Protokollen und Dokumenten». Er fand zunächst große Resonanz in den Medien, wurde dann allerdings wie so vieles durch die Corona-Pandemie überschattet.

Detlef arbeitete bis zuletzt an so erstaunlichen Projekten wie einer vierbändigen «Geschichte der deutschen Einheit aus linker Sicht», die in Beijing in chinesischer Sprache veröffentlicht wird. Als Herausgeber und Hauptautor des zweiten Bandes wird er das Erscheinen leider nicht mehr erleben.

Die Leibniz-Sozietät hatte die durch originelle Forschungsergebnisse und editorisches Können redlich erworbene wissenschaftliche Reputation unseres Freundes bereits 2004 hoch gewürdigt, indem sie ihn zum Mitglied erwählte.

Schließlich: Ohne die Liebe und Fürsorge, das Verständnis, die zupackende Art, das klare Urteil, die logistische Flankierung, die archivwissenschaftliche und die quellenkritische Expertise seiner lieben Monika ist das Werk von Detlef Nakath nicht zu denken.

Wir trauern mit ihr und der Familie um einen großartigen, aber bescheidenen Menschen, einen seriösen Wissenschaftler mit beeindruckenden Kenntnissen und Erfahrungen, einen Freund, den wir weder ersetzen können noch vergessen werden.

Es ist wohl so, dass wir als Menschen durch unsere kulturellen und wissenschaftlichen Leistungen in der Erinnerung der Nachwelt überdauern. Sie werden unseren Nachfahren noch zugutekommen, wenn die ausbalancierten Gewinn- und Verlustrechnungen unserer Tage längst zu Staub geronnen sind.

Nachruf vom Karl Dietz Verlag Berlin

Ein Nachruf von Gerd-Rüdiger Stephan und Sabine Nuss vom Karl Dietz Verlag Berlin

erschienen auf der Verlagsseite (Link)

Wir trauern um Detlef Nakath

Am 3. Oktober ist Dr. Detlef Nakath im Alter von 71 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit verstorben. Der Historiker und Mitglied der Leibniz-Sozietät hat bemerkenswerte Arbeiten zu verschiedenen Aspekten der deutsch-deutschen Geschichte und der SED vorgelegt, viele davon erschienen in unserem Verlag.

Erst im vergangenen Jahr veröffentlichte Detlef Nakath bei Dietz Berlin den Band »Ausschluss. Das Politbüro vor dem Parteigericht«. Der wie so viele andere Veröffentlichungen gemeinsam mit Gerd-Rüdiger Stephan herausgegebene Band zeichnet anhand von Tonbandprotokollen und schriftlicher Stellungnahmen die Parteiausschlussverfahren ehemaliger Politbüromitglieder der SED im Dezember 1989 und Januar 1990 nach.

Detlef Nakath studierte in der DDR Geschichtswissenschaften und Völkerrecht. Zwischen 1977 und 1994 war er als wissenschaftlicher Assistent, Oberassistent und Hochschuldozent für deutsche und Zeit- und DDR-Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin tätig, darunter von 1990–1992 als stellvertretender Direktor des Instituts für Geschichtswissenschaften. Bis 2001 war er beteiligt an Projekten der Deutschen Forschungsgemeinschaft, engagierte er sich danach in der Rosa-Luxemburg-Stiftung, unter anderem als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Hellen Panke (2003–2006), Geschäftsführer der Landesstiftung Brandenburg (2006–2015) und als Vorstandsmitglied der Rosa-Luxemburg-Stiftung (2014–2019).

In der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre prägte Detlef Nakath als Autor und Mitherausgeber wesentlich das Programm des Karl Dietz Verlags Berlin mit. In dieser Zeit entstanden unter anderem die Handbücher zur SED bzw. zu den Parteien und Organisationen der DDR und zur deutschen Zeitgeschichte von 1945 bis 2000. Beteiligt war er auch an der Herausgabe des Protokollbands des Außerordentlichen Parteitags der SED/PDS im Dezember 1989. Im Zentrum seines wissenschaftlichen und publizistischen Interesses standen allerdings die deutsch-deutschen Beziehungen. Sie zeichnete er von den frühen 1970er-Jahren bis in die ersten Jahre nach der Wende unter spezieller Berücksichtigung der Rolle der DDR bzw. SED in vier Büchern nach: »Die Häber-Protokolle. Schlaglichter der SED-Westpolitik 1973–1985« (1999), »Von Hubertusstock nach Bonn. Eine dokumentierte Geschichte der deutsch-deutschen Beziehungen auf höchster Ebene 1980–1987« (1995), »Countdown zur deutschen Einheit. Eine dokumentierte Geschichte der deutsch-deutschen Beziehungen 1987–1990« (1996) »Im Kreml brennt noch Licht. Die Spitzenkontakte zwischen SED, PDS und KPdSU 1989–1991« (1998).

Wir verlieren mit Detlef Nakath einen Autor und Herausgeber, der sich nach 1989 mit zahlreichen Veröffentlichungen um eine konstruktive und kritische Sicht auf die DDR-Geschichte verdient gemacht hat.

Unsere Gedanken sind bei seiner Familie und engen Wegbegleitern.

Laudatio von Siegfried Prokop zum 60. Geburtstag

- Schon als junger Historiker nutzte er erfolgreich zentrale Archive
- Bis 1993 war es ihm „vergönnt“, als Hochschuldozent für deutsche Zeitge­schichte an der Humboldt-Universität zu arbeiten
- Ab 1997 Tagungsleiter von 18 „Potsdamer Kolloquien zur Außen- und Deutsch­landpolitik“ sowie Mitherausgeber der Tagungsbände

Wer heute als Historiker in der Bundesrepublik arbeitet und dies auch schon in der DDR getan hat, der weiß ein Lied über das Verhältnis von Wissenschaft und Politik zu singen. Das trifft ganz bestimmt auf den heutigen Jubilar Dr. sc. Detlef Nakath zu. Es fiel ihm nicht schwer, seine Arbeitsergebnisse auf ihre Tragfähigkeit zu überprüfen und zugleich Schlussfolgerungen für die weitere Arbeit unter den veränderten Bedingungen zu ziehen. Dabei kam ihm zugute, dass er schnell begriff, dass die neuen Verhältnisse nicht nur den Nachteil hatten, dass sie die soziale Situation von A bis Z verunsicherten – dieses Schicksal teilte er mit einer großen Zahl von Wissenschaftlern der DDR –, sondern auch den Vorteil, dass jetzt unvergleichlich leichter Forschungsresultate pub­liziert werden konnten. Als Mann der Tat packte er die neuen Möglichkeiten beim Schopfe und sicherte so seinem Namen unter den Zeithistorikern Deutschlands einen festen Platz.

Schon als junger Historiker reihte sich Detlef Nakath in den Kampf um die ersten drei Plätze im Umfang der Nutzung zentraler Archive mit Erfolg ein. Basierend auf der publizierten Lite­ratur und langjährigen Forschungen in Archiven der DDR zeichnete er den wider­sprüchlichen Weg des Handels zwischen beiden deutschen Staaten nach, der Anfang der 60er Jahre stark von der Kündigung des Handelsabkommens durch die Bundesrepublik geprägt war und der Mitte der 70er Jahre ein wichtiger Baustein für die Entfaltung von Beziehungen der friedli­chen Koexistenz wurde. Nakath stieß damit auf ein Forschungsfeld vor, das vom Gegenstand und der Zeitspanne her Neuland war. Die in der Arbeit vorgestellten Ergebnisse, vor allem auch die aus Archiven gewonnenen sehr aussagekräftigen zahlreichen Tabellen, erbrachten für die zeitgeschichtliche Forschung erheblichen Erkenntnisgewinn. Nakath sah sich bei seinen Untersuchungen vor nicht wenige theoretisch­-methodologische Schwierigkeiten gestellt, die er überwiegend mit Erfolg meisterte.

Die Stärke seiner Forschungen bestand darin, dass für eine Periode der jüngeren Zeitgeschich­te reichhaltiges empirisches Material unter dem theoretischen Aspekt verarbeitet wurde, wie der Handel mit der Bundesrepublik sich zu einem Grundelement von Beziehungen der friedli­chen Koexistenz wandelte. Dies wurde überzeugend als roter Faden sichtbar gemacht und konsequent ausgeführt. Die Beantwortung der Frage, warum die herrschenden Kreise der Bundesrepublik eine so lange Zeit brauchten, ehe sie sich zur allmählichen Normalisierung der Handelsbeziehungen bereit fanden, gelang überzeugend. Dabei wurde auch Aufschluss darüber gegeben, ob die These zu Recht bestand, die DDR sei „geheimes EG-Mitglied“ gewe­sen. Überzeugend belegte Nakath, dass die DDR kein „geheimes EG-Mitglied“ war. Vom zollfreien Handel profitierten beide Länder. Aus der Tatsache, dass die Bundesrepublik zollfrei in die DDR lieferte, hat DDR nie die Behauptung abgeleitet, dass die Bundesrepublik ein „geheimes RGW-Mitglied“ sei. Nakath wies nach, dass der vereinbarte „Swing“ zwar häufig von der DDR, jedoch auch gelegentlich von der Bundesrepublik genutzt wurde. Historisch gesehen, wäre es also nur dann richtig, den „Swing“ als „zinslosen Überziehungskredit“ zu interpretieren, wenn hinzugefügt würde, dass ihn sich beide Seiten gewährten bzw. ihn wechselsei­tig in Anspruch nahmen. Natürlich hat die DDR in stärkerem Masse davon profitiert. Von Interesse waren auch die Überlegungen zu der Frage, ob der Handel zwischen beiden deutschen Staaten Binnen- oder Außenhandel war. Die von Nakath geübte Vorsicht, den Wandel vom Binnen- zum Außenhandel als fließend und das Jahr 1961 als wichtige Zäsur zu markieren, ist zu unterstützen.

Als letztliche, den Prozess zweifelsfrei abschließende Zäsur wurde auf den Grundlagenvertrag und die Aufnahme beider Staaten in die UNO verwiesen.
Quellenforschung bekam es in der DDR mit manchen Verboten und Schwierigkeiten zu tun. Es hing aber sehr von der Beweglichkeit des Forschers ab, ob er es verstand, diese Klippen zu umschiffen. Es gelang Nakath, Heinz Behrendt (1913-2003) regelmäßig zu konsultieren, der als Verhandlungspartner der Treuhandstelle für Interzonenhandel und als Stellvertreter des Ministers ein hervorragender, kenntnisreicher Zeitzeuge war.
Unser Jubilar, den wir in den letzten beiden Tagen mit dem 13. Kolloquium der Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg ehrten, an dem als namhafte Gäste u. a. Egon Bahr, Valentin Falin, Rektor Gunter Pleuger, Hermann Freiherr von Richthofen und Botschafter Otto Pfeiffer teilnahmen, ist am 10. November 1949 in Berlin-Prenzlauer Berg geboren. Die Schule besuchte er von 1956 bis 1968. Das Abitur legte er 1968 an der Heinrich-Schliemann-Oberschule in Berlin ab. Vom November 1968 bis April 1970 leistete er den Grundwehrdienst in der NVA.

Von 1970 bis 1975 studierte er Geschichte und Völkerrecht an der Humboldt-Universität zu Berlin. Daran schlossen sich die Tätigkeit als wissenschaftlicher Aspirant, Assistent und Oberassistent. 1982 erfolgte die Promotion A, 1988 Promotion B. Im  Februar 1989 wurde Nakath  zum Hoch­schuldozenten für Geschichte der DDR an der Humboldt-Universität berufen.

Im Februar 1990 wurde er im Zuge der Erneuerung des Instituts zum stellvertretenden Direktor des Instituts für Geschichtswissenschaften gewählt. Im Dezember 1990 erfolgte seine Wiederwahl. Zugleich wurde er Leiter des Wissenschaftsbereichs Deutsche Zeitgeschichte. Bis 1993 durfte als Hochschuldozent für deutsche Zeitge­schichte an der Humboldt-Universität arbeiten. Danach kam für ihn wie für fast alle seine Kollegen das Aus. Es begann die schwierige Zeit, wo er in unterschiedlichen Projekten und unter höchst unsicheren Verhältnissen seinen Lebensunterhalt sichern musste. Im Unterschied zu manch anderen warf er zu keinem Zeitpunkt die Flinte ins Korn.

Von Februar 1994 bis Januar 2000 war er Mitarbeiter an zwei Forschungsprojekten der Deut­schen Forschungsgemeinschaft (DFG) am Fachbereich Asien- und Afrikawissenschaften bzw. am Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin.

Von Januar 2003 bis August 2006 war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der „Hellen Panke zur Förderung von Politik, Bildung und Kultur e.V.“ Berlin tätig. Seit September 2006 arbeitet Nakath als Geschäftsführer der Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg.

Die Publikationsliste weist zahlreiche Publikationen zur deutschen Zeitgeschichte und DDR-Geschichte auf, darunter die Bücher „Von Hubertusstock nach Bonn“ (1995), „Countdown zur deutschen Einheit“ (1996), „Im Kreml brennt noch Licht“ (1998) und „Die Häber-Protokolle. Schlaglichter der SED-Westpolitik 1973-1985“ (1999) jeweils gemeinsam mit Gerd-Rüdiger Stephan. Er ist Herausgeber des Bandes „Deutschlandpolitiker der DDR erin­nern sich“ (1995) sowie Mitherausgeber der Tagungsbände „Konflikt – Kooperation – Kon­frontation“ (1998), „Abgegrenzte Weltoffenheit“ (1999) und „...sofort, unverzüglich. Der Fall der Mauer am 9. November 1989“. Er arbeitete mit am von Angelika Timm publizierten Band „Hammer, Zirkel, Davidstem“ (1997). Gemeinsam mit Gerd-Rüdiger Stephan und Lothar Hornbogen gab er im Dezember 1999 den Protokollband mit Dokumenten des  Außerordentlichen Parteitages der SED/PDS 1989 heraus.

Gemeinsam mit Daniel Küchenmeister ist er Herausgeber des von der Friedrich-Ebert-Stiftung besorgten Bandes „Architekt und Brückenbauer“ aus Anlass des 80. Geburtstages von Egon Bahr.

Besondere Beachtung verdienen die von ihm mit herausgegebenen Handbücher „Die SED“ (1997), „Parteien und Organisationen der DDR“ (2002) und „Deutsche Zeitgeschichte von 1945 bis 2000“. Vor allem das „Handbuch deutsche Zeitgeschichte“ fand in Rezensionen, die in Frankreich, Großbritannien, den USA und Israel erschienen sind, ein großes Echo. Dem­gegenüber bezweifelten Rezenten in deutschen Medien das Recht linker Autoren wie Nakath zur Herausgabe solch einer Publikation. Es wurde gemäß den üblichen Ausgrenzungsmustern Kritik geübt und eine Stellungnahme zum Inhalt der Texte vermieden.

Nakath verfasste die Monographie „Deutsch-deutsche Grundlagen. Zur Geschichte der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der DDR und der Bundesrepublik in den Jahren von 1969 bis 1982“ (2002). Diese Monographie und die Handbücher können als die wichtigste wissenschaftliche Leistung des Jubilars betrachtet werden.

Nakath war Tagungsleiter der dreizehn „Potsdamer Kolloquien zur Außen- und Deutsch­landpolitik“ sowie Mitherausgeber der bisher erschienenen zwölf Tagungsbände. Er wirkte auch an zwei Schulbüchern für das Fach Geschichte im Moritz-Diesterweg-Verlag Frankfurt/Main mit.
Einige seiner Arbeiten wurden mit Preisen gewürdigt: Mit dem Alfred-Meusel-Förderungspreis, 1. Stufe, des Ministers für Hoch- und Fachschulwesen der DDR wurde er im September 1982 gewürdigt. Den Wissenschaftlichen Förderpreis, 1. Stufe, der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen erhielt er gemeinsam mit Gerd-Rüdiger Stephan im März 1997. Er wurde ferner Preisträger im Autorenwettbewerb „40 Jahre Deutsche Teilung – 10 Jahre Mauerfall. Die Geschichte beider deutscher Staaten im Schulbuch“ der Niedersächsischen Kultusministerin und des Kultusministers des Landes Sachsen-Anhalt (November 1999).

Seit 1996 ist Nakath Mitglied des Kuratorium der Stiftung Archiv der Parteien und Mas­senorganisationen der DDR im Bundesarchiv und seit Mai 2004 Mitglied der Leibniz-Sozietät.

Nakath, den ich seit Anfang der 70er Jahre kenne, war für mich immer der „junge Mann“. Jetzt wird der Jubilar 60 und ich muss mich daran gewöhnen, dass er inzwischen ein ehrwür­diges Alter erreicht hat. Andererseits ist heute jemand mit 60 erst ein „junger Alter“. Das gilt vor allem auch für Historiker. Unser aller Lehrer, Eduard Winter, bekannte, dass das 7. De­zennium in seinem Schaffen die allergrößte Bedeutung hatte; schließlich braucht ein Histori­ker für reifere Werke ein bestimmtes Alter. Nehmen wir diesen Maßstab, dann ist von Detlef Nakath noch viel zu erwarten. Für das Gelingen neuer Werke wünsche ich ihm im Namen des Vorstandes der Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg und auch im Namen der heute hier anwesenden Gratulanten viel Schaffenskraft und eine stabile Gesundheit sowie auch Freude und Wohlergehen im Kreise seiner Familie.

Laudatio aus Anlass des 60. Geburtstages im Rahmen des 13. Kolloquiums  der Rosa Luxemburg Stiftung Brandenburg in Potsdam am 12.November 2009, bisher unveröffentlicht.

Nachruf von Stefan Bollinger für die Leibniz-Sozietät

Nekrolog von Dr. Stefan Bollinger

erschienen auf der Internetseite der Leibniz-Sozietät (Link)

Nekrolog auf unser Mitglied Doz. Dr. sc. Detlef Nakath

Die Leibniz-Sozietät der Wissenschaften trauert um ihr Mitglied, den Historiker Doz. Dr.sc. Detlef Nakath, der am 3. Oktober 2021 im Alter von 71 Jahren verstorben ist.

In Berlin im Jahr der doppelten Staatsgründung zweier deutscher Republiken geboren, durchlief Detlef Nakath den gewöhnlichen Weg eines Wissenschaftlers in der DDR. Nach Abitur, Wehrdienst und Geschichtsstudium an der Berlin Humboldt-Universität promovierte und habilitierte er sich später zu Themen der deutsch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen. Er arbeitete sich gründlich in die Situation der beiden deutschen Staaten in ihrem Systemkonflikt, aber auch in ihrer Zusammenarbeit ein. Als Hochschuldozent und in Zeiten des staatlichen Umbruchs als gewählter stellvertretender Institutsdirektor suchte er einen differenzierten Umgang mit der deutschen Geschichte und nach dem Platz für die Erfahrungen DDR-sozialisierter Historikerinnen und Historiker. Unter den neuen Machtverhältnissen blieb für ihn kein Platz in der akademischen Landschaft und er musste die Universität 1994 verlassen.

Im Unterschied zu manchen Kolleginnen und Kollegen war Detlef Nakath aber von der Vorstellung durchdrungen, seine Forschung fortzusetzen, die wissenschaftlichen, politischen und Lebenserfahrungen als DDR-Wissenschaftler weiterzugeben und für eine bewusste, kritische und differenzierte Auseinandersetzung mit der untergegangenen DDR und dem nun gesamtdeutschen Staat zu nutzen. Er war einer der Vorreiter der Etablierung einer Zweiten Wissenschaftslandschaft im nun vereinten Deutschland, in der politischen Bildung und wissenschaftlichen Forschung, die jenseits des neuen Zeitgeistes gefragt und gefördert waren. Als Mitarbeiter der Berliner “Hellen Panke” e.V., seit 2006 als Geschäftsführer der Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg (bis 2014) und als Mitglied des Vorstandes der bundesweiten Rosa-Luxemburg-Stiftung (bis 2019), aber auch als Mitglied der Leibniz-Sozietät engagierte er sich für eine differenzierte und fundierte Auseinandersetzung mit der deutsch-deutschen Geschichte.

Detlef Nakath hat wesentlichen Anteil an einer Zeitgeschichtsschreibung, die sich den Konflikten und Chancen der späten DDR und des Prozesses zuwendet, der zur deutschen Einheit führte. Er verband gründliches Archivstudium, teilweise in erst zu erschließenden Beständen, mit der Auseinandersetzung mit Zeitzeugen. Auf dieser Basis legte er In den 1990er Jahren gemeinsam mit Historikern und Historikerinnen umfangreiche Dokumentationen zur Geschichte der DDR insbesondere in ihren beiden letzten Jahrzehnten, den Beziehungen zur Sowjetunion und zu den vielfältigen Kontakten mit der BRD vor (ab 1993). Gleichzeitig hat er sehr genau das Schicksal der einst mächtigen SED in ihrer Schlussphase untersucht, so den entscheidenden Außerordentlichen Parteitag der SED/PDS im Dezember 1989 (1999) und erst jüngst das Schicksal der Spitzenfunktionäre der SED, die sich Anfang 1990 gegenüber ihren Genossen zu verantworten hatten (2020). Zu den bleibenden Leistungen Detlef Nakaths als Forscher und Wissenschaftsorganisator gehören seine Beiträge zur Herausgabe von drei gewichtigen Handbüchern zur SED (1997), zu den Parteien und Massenorganisationen der DDR (2002) und eine umfangreiches “Handbuch zur Deutschen  Zeitgeschichte  1945-2000” (2006). Nebenher liefen die Arbeiten an vielen Konferenzen, so die Potsdamer Kolloquien zur deutsch-deutschen Außenpolitik (seit 1997) oder die Mitarbeit an den “heften zur ddr-geschichte” der „Hellen Panke“ RLS Berlin.

Gerade der verbindende Blick Detlef Nakaths auf die gemeinsame, wechselvolle und wechselseitige Geschichte der beiden Deutschländer, das intensive Bemühen, Wissenschaftler und Politiker mit DDR- wie BRD-Biografie, aber auch ausländische Fachkollegen in die Diskussion einzubeziehen wird künftig fehlen. Mir und sicher manch anderem auch der Freund, Diskussionspartner und verlässliche Organisator eines Wissenschaftslebens außerhalb der dominierenden akademischen Strukturen.

von Anita Tack

Unfassbar!

Detlef Nakaths Tod macht mich sehr traurig.

Wir verlieren mit Detlef einen bedeutenden Historiker. Und ich verliere einen zuverlässigen politischen Partner in der Zusammenarbeit von Rosa Luxemburg Stiftung Brandenburg und parlamentarischer Wahlkreisarbeit. Wir haben uns beide sehr bemüht, daß es eine befruchtende Arbeit von RLS und Landtagsfraktion gibt. Dazu beigetragen hat zum Beispiel auch meine jahrelange Veranstaltungsreihe "Potsdamer Profile" im Kulturhaus "Hans Marchwitza" und später in der Dortustraße, mit großem Zuspruch. Detlef war der freundliche und kluge Moderator.

Er fehlt uns sehr.

von Klaus Kropp

Lieber Detlef,

immer, wenn ich unsere Geschäftsstelle in Potsdam betrete, erinnere ich mich bis heutigen Tage an Dein herzhaftes Lachen und Deinen feinen Humor.

Die Gespräche mit Dir waren auch immer Reisen in die Vergangenheit, die Du gern mit kleinen Anekdoten gewürzt hast. Historisch konkret und mit einem Augenzwinkern.

Ich denke gern an Dich und werde Dich nicht vergessen.

Nachruf von Albert Scharenberg für JACOBIN

Ein Nachruf von Dr. Albert Scharenberg

erschienen in JACOBIN (Link)

Historiker der deutsch-deutschen Beziehungen

Detlef Nakath starb am Tag der deutschen Einheit. Wie kaum ein anderer forschte er zu den Wechselwirkungen und Spannungen der beiden Staaten.

Am 3. Oktober starb Dr. Detlef Nakath. Der Historiker, der vor allem über die deutsch-deutschen Beziehungen in der Zeit des Kalten Krieges forschte und publizierte, war Hochschuldozent an der Berliner Humboldt-Universität und später lange Jahre Mitarbeiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung sowie Mitglied der Leibniz-Sozietät. Erst im vergangenen Jahr hatte Nakath den viel rezipierten Band Ausschluss. Das Politbüro vor dem Parteigericht herausgegeben, der anhand von Tonbandprotokollen und schriftlichen Stellungnahmen die Parteiausschlussverfahren gegen ehemalige Mitglieder des Politbüros der SED nachzeichnete, die unmittelbar nach dem Sonderparteitag der SED/PDS im Dezember 1989 und Januar 1990 stattfanden. Wie viele seiner Arbeiten entstand auch diese im Karl Dietz Verlag erschienene Edition in Kollaboration mit seinem Kollegen und Freund Gerd-Rüdiger Stephan. Das Thema dieses Bandes war indes alles andere als Zufall, denn Michael Schumanns Rede auf diesem Parteitag – »Wir brechen unwiderruflich mit dem Stalinismus als System!« – diente Nakath als Leitmotiv seiner Forschung.

Eine ostdeutsche Karriere

Der 1949 geborene Detlef Nakath studierte seit Anfang der 70er Jahre Geschichtswissenschaften und Völkerrecht an der Berliner Humboldt-Universität. Die DDR hatte in der 1968 vollzogenen dritten Hochschulreform ans US-amerikanische Department-System angelehnte »Sektionen« eingeführt, so auch für das Fach Geschichte, wo er den Studiengang als Diplomhistoriker absolvierte. Seinem Seminarbetreuer, Prof. Siegfried Prokop, zufolge stach er durch seinen Ideenreichtum ebenso heraus wie durch seine »sehr verbindliche Art, mit Menschen umzugehen«. »Detlef dachte immer nach vorne«, erinnert sich Prokop.

In dieser Zeit waren die jungen Wissenschaftler gehalten, sich auf die DDR-Geschichte zu konzentrieren – keine leichte Aufgabe für einen Historiker angesichts der ideologisch zugespitzten Wertung durch die SED. Die Geschichte der Bundesrepublik wurde ausgelagert und abgewertet: sie »wurde behandelt wie Australien, wie wir spaßeshalber gesagt haben«, erzählt Prokop. Schon der Begriff »Zeitgeschichte« war verpönt.

Nakaths 1982 abgeschlossene, auf umfangreichem Quellenstudium beruhende Dissertation befasst sich mit dem innerdeutschen Handel, der in den 1960er Jahren von der Kündigung des Handelsabkommens durch die Bundesrepublik geprägt war und in den 1970er Jahren der wichtigste Baustein für die Wirtschaftsbeziehungen zwischen DDR und BRD wurde. Nakath konnte dort unter anderem nachweisen, dass der sogenannte Swing – der zinslose Überziehungskredit –, den die DDR häufig in Anspruch nahm, mitunter auch von der Bundesrepublik genutzt wurde. Die Wahl des innerdeutschen Handels als Dissertationsthemas war nicht zuletzt ein Trick, um sich überhaupt auch mit der Geschichte der Bundesrepublik befassen zu können.

Seit 1977 war Nakath als wissenschaftlicher Aspirant, Assistent und Oberassistent tätig. Nach der Dissertation arbeitete er vor allem zur Sozialgeschichte der DDR. Auch die Wahl dieses Themas hatte ihre Eigenarten, galt die Sozialgeschichte manchem SED-Hardliner doch schlicht als »Revisionismus«. Auch wollten die DDR-Verlage keinen Arbeiten zu diesem Themenfeld publizieren, sieht man einmal ab von Hartmut Zwahrs Werk Zur Konstituierung des Proletariats als Klasse. Strukturuntersuchung über das Leipziger Proletariat während der industriellen Revolution. In seinen neuen Funktionen war Nakath an der Organisation internationaler Konferenzen beteiligt, reiste zum wissenschaftlichen Austausch nach London und vertrat seinen Doktorvater Prokop während dessen Gastprofessuren in Paris und Moskau. 1988 folgte die »Promotion B«, die Habilitation, im Februar 1989 wurde er dann zum Hochschuldozenten für die Geschichte der DDR an der Humboldt-Universität berufen.

Nur ein paar Monate später begann die »Wende« in der DDR. Dass Nakath auf der Seite der Reformer stand, nützte ihm beruflich wenig. Zwar wurde er 1990 zum stellvertretenden Direktor des Instituts für Geschichtswissenschaften gewählt, aber es folgte bald die »Abwicklung«: 1993 ging seine Dozentur an der Humboldt-Universität zu Ende.

Neustart nach der Wende

Es war für nahezu alle Historikerinnen und Historiker der DDR eine harte Zeit, aber Detlef Nakath ließ sich nicht unterkriegen. Von 1994 bis 2000 arbeitete er in zwei Forschungsprojekten der Deutschen Forschungsgemeinschaft. In diese Zeit fallen zahlreiche seiner Buchveröffentlichungen, insbesondere zur deutsch-deutschen Geschichte und zur Geschichte von SED und PDS, darunter die Handbücher zur SED und zu den Parteien und Organisationen der DDR, aber auch der wichtige Protokollband des Außerordentlichen Parteitags der SED/PDS im Dezember 1989.

Im Zentrum seines wissenschaftlichen und publizistischen Interesses stand weiterhin die spannungsreiche Geschichte der beiden deutschen Staaten, die er in zahlreichen – oft gemeinsam mit Gerd-Rüdiger Stephan oder Daniel Küchenmeister editierten – Publikationen nachzeichnete, zu denen u.a. Arbeiten zur SED-Westpolitik 1973–1985, die dokumentierten Geschichten der deutsch-deutschen Beziehungen 1980–1990 und die Untersuchung der Spitzenkontakte zwischen SED, PDS und KPdSU 1989–1991 zählen. Ein großes Echo fand das von ihm mit herausgegebene Handbuch deutsche Zeitgeschichte, das in Frankreich, Großbritannien, den USA und Israel positiv besprochen wurde – nicht aber in Deutschland, wo man die Arbeiten früherer SED-Mitglieder schlechtredete oder ganz zu ignorieren trachtete. Daneben schrieb Nakath auch zu anderen Themen und steuerte etwa einen Beitrag zum von Angelika Timm publizierten Band über das gestörte Verhältnis der DDR zum Zionismus und zum Staat Israel (Hammer, Zirkel, Davidstern) bei.

Seit der deutschen Vereinigung hatten sich Bücher zur DDR-Geschichte durchaus einer gewissen Beliebtheit erfreut; was jedoch fast gänzlich fehlte, war der Versuch, die Geschichte beider deutscher Staaten in ihren Beziehungen und Wechselwirkungen, ihren Gemeinsamkeiten und Unterschieden zu untersuchen. In diesem Kontext setzte Nakath 2002 einen wichtigen Impuls durch die Veröffentlichung seiner langjährigen Forschungen zum innerdeutschen Handel unter dem Titel Deutsch-deutsche Grundlagen. Zur Geschichte der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der DDR und der Bundesrepublik in den Jahren von 1969 bis 1982.

Ab 2003 arbeitete Nakath für die Rosa-Luxemburg-Stiftung, ab Herbst 2006 als Geschäftsführer der Stiftung in Brandenburg. Bereits Mitte der 1990er Jahre war er aus der Berliner Linienstraße nach Potsdam übergesiedelt, wo seine Frau eine Tätigkeit als wissenschaftliche Archivarin aufgenommen hatte. Auch in seiner neuen Funktion verfolgte Nakath das Thema, das ihn sein Leben lang begleitete. Insbesondere die »Potsdamer Kolloquia zur Außen- und Deutschlandpolitik«, die er jährlich ausrichtete, erregten überregional Aufsehen mit Gästen wie Egon Bahr, Valentin Falin oder Hermann Freiherr von Richthofen, auch weil die »Protokolle«, von Marga Voigt lektoriert, regelmäßig veröffentlicht wurden.

2015 ging Nakath in den Ruhestand, war aber als Vorstandsmitglied weiterhin maßgeblich an der Ausrichtung der Rosa-Luxemburg-Stiftung beteiligt. Auch seiner Publikationstätigkeit tat der Ruhestand keinen Abbruch. Er hatte noch viel vor.

Mit Detlef Nakath verliert die deutsche Linke einen Historiker, der bleibende Beiträge zur Geschichte der DDR und zu den deutsch-deutschen Beziehungen verfasst hat – und einen wundervollen Menschen, mit dem der Austausch nicht nur intellektuell anregend, sondern immer auch persönlich war.

Beitrag von Wolfram Adolphi im "Blättchen"

Ein Beitrag von Wolfram Adolphi in der Zweiwochenschrift "Das Blättchen"

Detlef Nakath – Der Mann der Grundlagen

erschienen im Blättchen am 11. Oktober 2021

Zum Text auf der Internetseite des Blättchen ...

Detlef Nakath ist tot. Kurz vor seinem 72. Geburtstag, den er am 10. November hätte feiern können, ist er am 3. Oktober gestorben. Die deutsche Geschichtswissenschaft hat einen bedeutenden Historiker und herausragenden Organisator kollektiven Forschens verloren.

Wer immer sich künftig mit der deutschen Geschichte seit dem Jahre 1990 und mit den ihr vorangehenden Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten DDR und BRD 1949-1990 beschäftigen will, wird um drei dickleibige Handbücher nicht herumkommen: Die SED. Geschichte – Organisation – Politik (1226 Seiten, dietz berlin 1997), Die Parteien und Organisationen der DDR (1488 Seiten, dietz berlin 2002) und Deutsche Zeitgeschichte von 1945 bis 2000. Gesellschaft – Staat – Politik (1358 Seiten, dietz berlin 2006). Beim ersten, herausgegeben von Andreas Herbst, Gerd-Rüdiger Stephan und Jürgen Winkler, ist Detlef Nakath gemeinsam mit Christine Krauss als „Gesamtredaktion“ ausgewiesen, bei den anderen gehört er zu den Herausgebern: beim zweiten mit Stephan, Herbst, Krauss und Daniel Küchenmeister, beim dritten wieder mit Stephan und Clemens Burrichter. In allen drei Bänden zeichnet er auch für gewichtige Einzelbeiträge verantwortlich: im ersten für Außenpolitik und Deutschlandpolitik, im zweiten gemeinsam mit Kurt Schneider für Demokratischer Block, Nationale Front und die Rolle und Funktion der Blockparteien und im dritten gemeinsam mit Michael Lemke für Die Deutschlandpolitik der Bundesrepublik und der DDR und die innerdeutschen Beziehungen.

Das war die besondere Qualität der Arbeit des Detlef Nakath: dass ihm seine Forschung nie vorstellbar war als Arbeit im stillen Kämmerlein, sondern immer nur als Wechselspiel von individuellem und kollektivem Schaffensprozess, und so führte er in den Handbüchern 20, 30, gar 40 Autorinnen und Autoren zusammen, und die von ihm mitverantworteten Vorworte, Einleitungen und Danksagungen sind Ausweis dessen, wie gut es gelang, die vielen unterschiedlichen Handschriften doch zu einem spannenden Ganzen zu vereinigen.

Wer so arbeiten will, muss sie alle kennen, die da für die Mitarbeit gewonnen werden sollen, und tatsächlich: Nakath kannte sie alle. Viele schon von seiner Zeit an der Humboldt-Universität zu Berlin, an der er in der DDR Geschichte und Völkerrecht studierte und von 1978 bis 1989 als Assistent, Oberassistent und Dozent und in den „Wende“-Jahren 1990/91 als stellvertretender Direktor des Instituts für Geschichtswissenschaft tätig war; andere von den Projekten der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), die er in den 1990er Jahren mitentwickelte. Die Listen der Autorinnen und Autoren der Handbücher sind ein Wer war wer? der DDR-Geschichtswissenschaft. Von 2003 bis 2006 war Nakath wissenschaftlicher Mitarbeiter bei „Helle Panke e. V.“, dem Berliner Zweig der Rosa-Luxemburg-Stiftung, und von 2006 bis 2015 Geschäftsführer der Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg. Aber nicht erst dann, sondern schon von den 1990er Jahren an gehörte er zu den Organisatoren von herausragenden Bildungsveranstaltungen dieser PDS- und dann LINKE-nahen Stiftungen– so etwa in Potsdam der jährlichen Kolloquia zur Deutschland- und Außenpolitik. Dass diese wie manche andere Beratungen auch für die Nachwelt in Broschürenform dokumentiert sind, ist ohne Nakath kaum denkbar.

Die Bücher und Broschüren, an denen Detlef Nakath mitwirkte, sind nicht in den großen bürgerlichen Verlagen des Landes erschienen. Neben dem Karl Dietz Verlag Berlin finden sich etwa der Schkeuditzer Buchverlag oder der Potsdamer WeltTrends Verlag. Das könnte für manche und manchen ein Grund sein, ihre Bedeutung zu unterschätzen. Davor sei ausdrücklich gewarnt. Das Desinteresse der Bürgerlichen hat nichts mit mangelnder Qualität der Nakathschen Arbeit zu tun, sondern mit ihrem eigenen Widerwillen, sich den Anschluss der DDR an die BRD, wie er sich seit 1990 vollzogen hat, tatsächlich als Vereinigung zu denken: als das Zusammenkommen also zweier wirklich gleichberechtigter Gesellschaften und Staatswesen, die vierzig Jahre lang auf sowohl gegensätzliche wie zugleich immer eng aufeinander bezogene Weise Bestandteile des Weltgeschehens waren und an ihm teil hatten.

Aber genau das – ein Verständnis dafür zu entwickeln, was es nun eigentlich auf sich hat mit der Vorgeschichte und Geschichte dieser „Vereinigung“ – war Nakaths Antrieb, und bedeutende Leute in Ost und West haben das sehr zu schätzen gewusst. Dazu Nakath selbst (in der Danksagung zu seiner Monographie Deutsch-deutsche Grundlagen. Zur Geschichte der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der DDR und der Bundesrepublik in den Jahren von 1969 bis 1982 (396 Seiten, Schkeuditz 2002): „Mein besonderer Dank gilt Prof. Egon Bahr, der mir in mehreren Gesprächen in Bonn, Königswinter und Berlin Rede und Antwort zu den vielen Fragen über die Geschichte der Beziehungen der Bundesrepublik zur DDR stand und seine Sicht und seine persönlichen Erfahrungen sehr detailliert vermittelte. Am 20. September 1999 konnte ich in Hamburg ein fast dreistündiges äußerst aufschlussreiches Gespräch mit Altbundeskanzler Helmut Schmidt führen.“ Es folgen die Namen Ernst-Günter Stern, langjähriger Leiter der „Gruppe Deutschlandpolitik“ im Bundeskanzleramt, Peter Bender, Journalist und Historiker, und aus der DDR Prof. Herbert Häber, Leiter der Westabteilung der SED, und Karl Seidel, Abteilungsleiter im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten. Wie Nakath in Potsdam Hans Modrow und Egon Bahr auf eine Bühne gebracht hat, wird den Beteiligten unvergesslich bleiben.

Aus der Fülle der Arbeiten soll hier noch auf zwei Broschüren verwiesen sein, die Nakath im Ergebnis entsprechender Tagungen gemeinsam mit Dörte Putensen herausgegeben hat: Der Weg in die deutsche Einheit. Die Sicht der Nachbarn (Potsdam 2010) und Unrechtsstaat DDR? Sichtweisen in europäischen Nachbarländern (Potsdam 2012). Stimmen aus Polen, Finnland, Israel und den USA finden sich dort ebenso wie Gedanken von Jean Mortier aus Paris, mit dem Nakath jahrzehntelang verbunden gewesen ist. Und noch ein wichtiges Werk markiert den Lebensweg des Detlef Nakath: der Protokollband Außerordentlicher Parteitag der SED/PDS vom 8./9. und 16./17. Dezember 1989 in Berlin, herausgegeben mit Lothar Hornbogen und Gerd-Rüdiger Stephan in Zusammenarbeit mit Manfred Meineke und Marga Voigt (464 Seiten, dietz berlin 1999).

Es ist von seltsamer Symbolik: Detlef Nakath, der sich die deutsch-deutschen Beziehungen zum Lebensthema gemacht hat, ist in die Geburt der DDR hineingeboren und am 3. Oktober 2021, der 31. Wiederkehr des „Tages der deutschen Einheit“, kurz vor dem 72. Jahrestag der Gründung der DDR am 7. Oktober, gestorben. Mit seiner Forschung sind Maßstäbe gesetzt.


Nachruf von Dr. Gerd-Rüdiger Hoffmann

Detlef Nakath (10.11.1949 – 3.10.2021)

von Dr. Gerd-Rüdiger Hoffmann

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Dr. Detlef Nakath ist am 3. Oktober 2021 im Alter von 71 Jahren gestorben.

Er war einer der wichtigsten Historiker des Landes, wenn es darum ging, die Geschichte der beiden deutschen Staaten nach 1945 frei von Mythen, Ideologien, nostalgischer Verklärung oder siegesbewusster Belehrung zu behandeln. Berüchtigt bei Kolleginnen und Kollegen und Verlagsmitarbeitern war sein Bestehen darauf, dass alles genau, umfassend und in einem ausführlichen Apparat belegt werden müsse. Die von ihm herausgegebenen Bücher zur neueren Geschichte wiegen auch deshalb im wahrsten Sinne des Wortes schwer. Vor allem jedoch jene Bände mit Handbuchcharakter haben Gewicht, in denen es um eine seriöse akademische Beschäftigung mit der Geschichte der DDR und den deutsch-deutschen Beziehungen geht. Alle diese Werke sind im Kollektiv entstanden, womit eine Stärke von Detlef Nakath hervorgehoben ist. Er brachte mit seiner ruhigen Art Leute zusammen, die auch vor schwierigen Aufgaben nicht zurückschreckten und bereit waren, sich faktenorientiert gegen den durch Liederlichkeit und ideologische Arroganz gekennzeichneten Mainstream zu stellen. Und Detlef Nakath kannte sie alle. Sein Wissen und sein Organisationstalent waren gefragt. Wissenschaft und Rosa-Luxemburg-Stiftung konnten davon profitieren.

In der Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg e.V. und auch in der bundesweiten Stiftung hatte er mehrere Funktionen, die er so ausfüllte, dass mit gutem Gewissen gesagt werden muss: Er war für diesen linken Bildungsverein profilbestimmend.

Der Stellenwert seiner Arbeit war besonders in Zeiten des Ringens um Inhalte und die richtige Strategie der Linken allen bewusst, die an kulturell-politischer Bildung interessiert waren. Wenn die Rosa-Luxemburg-Stiftung als etablierte Institution mehr und mehr anerkannt wurde, nicht nur in Hauptstädten, dann war das maßgeblich mit seinem Namen verbunden.

Außerdem war es Detlef Nakath gemeinsam mit einigen seiner Kolleginnen und Kollegen gelungen, das Thema Politikberatung auf ein völlig neues Niveau zu heben. Geärgert hat ihn immer, wenn sich die institutionalisierte Linke beratungsresistent gegenüber Fachleuten und von der Stiftung initiierten Studien zeigte. Als dieser Trend zunahm, da kam selbst bei ihm, dem scheinbar nie aus der Ruhe zu bringenden Historiker, gelegentlich Verbitterung auf.

Schließlich, das darf nicht vergessen werden, Detlef war ein guter Mensch – zuverlässig, freundlich, humorvoll (nicht witzig) und auch meinungsstark, wenn es um die Sache ging.

Für mich war er ein guter Freund und Genosse. Er fehlt mir.