Filmprojekte

realisiert mit Unterstützung durch die RLS Brandenburg

Rosas Wiege - Videogruß und Text zu Luxemburgs Kindheit und Jugend von Dr. Holger Politt (5.3.2021)

„Anscheinend sehe ich aus wie ein Mensch, der die Pflicht hat, ein großes Werk zu schreiben."

Rosa Luxemburg


Ein Geburtstagsgruß aus Zamość zum 5. März 2021

von Dr. Holger Politt (Leiter des Büros der RLS in Warschau, Übersetzer und Herausgeber der polnischen Schriften von Rosa Luxemburg)


Rosas Wiege wurde notariell bestätigt, auch ist bekannt, wo sie gestanden hat. Selbst wenn sich weder in Zamość noch anderswo ein Dokument finden lässt, das das exakte Geburtsdatum verriete, gibt es so wenigstens den festen Anhaltspunkt, der von der Ankunft des neuen Erdenbürgers zeugt. Die Stadtarchivarin Ewa Lorentz stieß vor einigen Jahren auf einen merkwürdigen Kaufvertrag, mit dem Edward Luxenburg im März 1871 den gesamten Hausstand der Familie an die Ehefrau Lina, geborene Löwenstein, veräußerte. Darin aufgelistet war auch eine Wiege aus Fichtenholz, rot angemalt und auf 50 Kopeken taxiert.

Die nun siebenköpfige Familie bewohnte zu jener Zeit im Parterre zwei nicht allzu geräumige Zimmer in einem schmucklosen Haus in der damaligen Ogrodowa-Straße, wenige hundert Meter vom Marktplatz entfernt, der dazugehörige Obstgarten endete bereits an der Stadtmauer. Das Haus gehörte der Familie allerdings nicht mehr, es war wegen wirtschaftlicher Zwänge verkauft worden. Jetzt wohnte sie nur noch zu ausgehandelten Bedingungen auf bestimmte Zeit zur Miete beim neuen Eigentümer, dem Popen der orthodoxen Kirche in der Stadt. Der baldige Auszug nach Warschau war also vorgegeben, er war nur noch eine Frage der Zeit.

Von dort war einst Abraham Luxenburg, Rosas Großvater väterlicherseits, hierhergezogen, weil er in eine in Zamość ansässige wohlhabende jüdische Familie eingeheiratet hatte und fortan das kaufmännische Glück von hier zu zwingen suchte. Edward und drei weitere Brüder kamen allesamt in Zamość zur Welt, der Familie ging es entsprechend, wie die Wohnstätten in dem vom Wohlstand zeugenden Stadthäusern am Salzmarkt und Markt verraten. Abraham hatte für seinen ältesten Sohn Edward außerdem das Haus in der Ogrodowa-Straße erworben, bevor er selbst wieder mit seinen anderen Kindern nach Warschau zurückkehrte.

Dann ging es auf und ab in den geschichtlichen Turbulenzen, Abraham verlor bald sein ganzes Vermögen, war plötzlich ein ruinierter Mann und gegenüber dem russischen Fiskus hochverschuldet. Er ging vor der ihm drohenden Verfolgung seitens der russischen Behörden außer Landes, kam schließlich nach Berlin, wo er 1872 verstarb und begraben wurde. Die Schulden aber bürdete sich Edward auf, der älteste Sohn – der Grund also, weshalb er Haus und Hof verkaufen und schließlich Zamość wenig später mit Sack und Pack verlassen musste. Rosa Luxemburg war zu diesem Zeitpunkt höchstens drei Jahre alt, wird sich später kaum noch an etwas erinnern können.

In Warschau wächst Rosa Luxemburg bürgerlich auf, dafür sorgt die große Familie, auch wenn die Eltern – Edward und Lina – nie aus gewissen materiellen Engpässen herauskommen werden. Aber für ein anständiges Dach über dem Kopf und vor allem für gute Bildung ist gesorgt. Der feste Wunsch, an einer Universität zu studieren, zeichnet den Weg ins Ausland, in die Schweiz und nach Zürich vor, denn in Warschau war es den Frauen – wie anderswo im Zarenreich – trotz Hochschulreife verwehrt, sich zu Studienzwecken einzuschreiben.

Der Sozialismus war Rosa Luxemburg freilich nicht in die Wiege gelegt, dahin kam sie auf anderen Wegen und als einzige aus ihrer Familie. Der Weg dahin setzte frühzeitig ein, bereits als frischgebackene Abiturientin engagierte sie sich in Warschau für Arbeiterbildung, was von den Zarenbehörden strengstens verfolgt wird. Aus Spuren in den frühen Texten lässt sich immerhin rekonstruieren, dass sie außerdem Kindern, die bereits in jungen Jahren in den Fabriken der Stadt arbeiten mussten, das Lesen und Schreiben beizubringen suchte. Auch das wurde verfolgt, es wiedersprach den strengen Regeln des Versammlungsrechts. Vielleicht war die in Warschau und anderswo in den Fabrikstädten des Zarenreiches grassierende Kinderarbeit, die der jungen und aufmerksamen Rosa Luxemburg die schmerzliche, brutale Kehrseite der bürgerlichen Gesellschaft oft genug vor Augen führte, überhaupt der wunde Punkt, der Rosa Luxemburgs frühe Entscheidung für den Sozialismus in einem großen Maße prägte. Als die blutjunge Frau Warschau verließ und im Februar 1889 in Zürich eintraf, war der Weg bereits gewiesen, der sie in die Reihen der europäischen Arbeiterbewegung führt.

Unter Nachbarn - eine Theatertour entlang der STOLPERSTEINE in Potsdam (14.8.2020)

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Eine Gruppe von Studierenden aus Potsdam hat gemeinsam mit Sharon Kotkovsky und Sabine Wiedemann einen theatralen Rundgang durch die Potsdamer Innenstadt entwickelt, der anhand der STOLPERSTEINE, des Denkmals für die Opfer des Faschismus und der beiden Standorten der Alten und der zukünftigen Synagoge von jüdischem Leben in Potsdam berichtet, von Ausgrenzung, Entrechtung, Verfolgung, Enteignung, Ermordung, Überleben, Weiterleben und die Frage stellt, wo die Zusammenhänge sind - gestern und heute.

Das Projekt konnte mit Hilfe der Cultus UG realisiert werden, unterstützt durch die Landeshauptstadt Potsdam und auch durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Mehr zum Projekt gibt es bei facebook. Das Video kann bei youtube angesehen werden oder hier durch Klick auf das Bild oben.

Virtueller Rundgang durch die Ausstellung "Schicksal Treuhand - Treuhand-Schicksale" (März 2020 in Cottbus)

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Vom 20. - 25. März 2020 sollte die Ausstellung der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Kooperation der Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg un der Bürgerinitiative "Stadtpromenade für alle" in Cottbus/Chóśebuz gezeigt werden. Da die Veranstaltung aufgrund der Kontaktbeschränkungen im März nicht durchgeführt werden konnte, wurden ausgewählte Ausstellungsinhalte im Videoformat zusammengestellt.

Die Stadtpromenade, eine große Brachfläche in der Cottbuser Innenstadt, motivierte die Bürgerinitiative „Stadtpromenade für alle“, diese Ausstellung nach Cottbus zu holen. Die Treuhandliegenschaftsgesellschaft ermöglichte die Privatisierung wichtiger Teile des Stadtzentrums und legte damit den Grundstein für ihren Abriss. Sogenannte Investoren versprachen viel und hielten nichts. Heute gibt es in Cottbus statt einer intakten Stadtpromenade eine hässliche Brache. Alles geschah über die Köpfe der Bürger*innen hinweg. Diese Zerstörungen und Ignoranz sind typisch für die Nachwendezeit. 

Im Mai 2020 konnte die Ausstellung dann immerhin an zwei Wochenenden in der bühne8 in Gänze besichtigt werden.