LuxemburgLinks

Extrablatt zum 150. Geburtstag von Rosa Luxemburg

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung hat zum 150. Geburtstag ihrer Namensgeberin ein Extrablatt herausgegeben, das als Beilage in der Tageszeitung "nd. Der Tag" und in der Wochenzeit "der freitag" erschienen ist.

Darin finden sich kurze kritische, solidarische und emphatische Texte u.a. zu ihrem Weg hin zur Arbeiter*innenbewegung, zu theoretischen Überlegungen und aktuellen Bezügen, zur radikalen Realpolitik und feminitischer Perspektive - und Illustrationen von Kate Evans:

https://www.rosalux.de/…/id/43829/150-jahre-rosa-luxemburg-1

RLS History Podcast zu Rosa Luxemburgs 150.

Der RLS History Podcast aus dem Februar 2021 widmet sich Rosa Luxemburg.

Anika Taschke und Albert Scharenberg sprachen mit Julia Killet über die Luxemburg-Rezeption, mit Holger Politt über ihre polnisch-jüdischen Wurzeln, mit Jörn Schütrumpf über ihre wichtigsten politisch-theoretischen Arbeiten und mit Dana Mills über Luxemburg und Feminismus.

Zudem liest Hanna Petkoff aus Briefen von Rosa Luxemburg. 

https://www.rosalux.de/rosalux-history

Neue Internetseite zu Luxemburg: Die Andersdenkende

Webstory in vier Sprachen – Kurzfilme und Serie – Onlinekonferenz und mehr

In Rosa Luxemburgs 150. Geburtsjahr geht die neue Webseite „RS LXMBRG – Die Andersdenkende“ unter www.rosaluxemburg.org an den Start, die in Form einer Webstory einen neuen Zugang zu Leben und Werk in vier Sprachen eröffnet. Die Inhalte der Webseite werden bis Anfang März auch auf Englisch, Französisch und Spanisch zugänglich sein.

Wenige Tage vor der Gründung des revolutionären Stadtrats von Paris, der „Pariser Kommune“ am 18. März 1871 wurde Rosa Luxemburg geboren. Am 5. März jährt sich ihr Geburtstag damit zum 150. Mal. Für die nach ihr benannte politische Stiftung ein Anlass, ein facettenreiches Angebot rund um die Person Rosa Luxemburg, ihr Wirken und ihre heutige Rezeption zu konzipieren.

„Unter den namensgebenden Personen der politischen Stiftungen ist Rosa Luxemburg die einzige Frau, die einzige Ausländerin und die einzige Jüdin. Diese Alleinstellungsmerkmale erfüllen uns mit Stolz und Demut - aber Rosa Luxemburg war und bewirkte viel mehr. Zu ihrem 150. Geburtstag wollen wir als Stiftung daran erinnern, was sie an Werken, Taten und Gedanken hinterlassen hat“, sagt Dagmar Enkelmann, Vorstandsvorsitzende der Rosa-Luxemburg-Stiftung. „Rosa Luxemburg hat uns auch heute noch viel zu sagen, zum Beispiel über das Verhältnis von Demokratie und Sozialismus, die Beziehung handelnder Massen zu politischen Organisationen, die Rolle von Gewalt in politischen Auseinandersetzungen, über Mut und Zivilcourage.“

Geplant sind sowohl in Berlin als auch in allen Bundesländern Ausstellungen, digitale Veranstaltungen, kulturelle Beiträge, eine internationale Onlinekonferenz und mehr. Weitere Information und pandemiebedingte Änderungen sind auf www.rosalux.de jeweils aktuell zu finden.

In Kooperation mit der Volksbühne und dem «Rosa Kollektiv» startete bereits an Weihachten 2020 die elfteilige Serie «Aktiviere dein inneres Proletariat» (https://www.volksbuehne.berlin/de/)


Theorie-Podcast mit Axel Demirović zu Luxemburgs "Sozialreform oder Revolution"

Too long, didn´t read? Der neue Theorie-Podcast der RLS schafft Abhilfe.

Alex Demirović stellt in jeder Folge Schlüsselwerke der linken Theorie vor. Es werden die zentralen Thesen der Werke und ihre heutige Relevanz diskutiert. Die Spannbreite liegt dabei vom klassischen Marxismus, Kritischer Theorie, Feminismus, antikoloniale Theorie, Poststrukturalismus bis hin zu Hegemonietheorie und Existenzialismus. In kurzen Vorträgen gibt es eine Einführung in die Biografie der Theoretiker*innen und eine Zusammenfassung der zentralen Thesen. Anschließend diskutiert Alex Demirović mit einem Gast über das Werk und seine Relevanz für aktuelle politische Kämpfe.

Die erste Folge dreht sich um Rosa Luxemburg und die Frage Sozialreform oder Revolution? Zu Gast ist Miriam Pieschke:

https://www.rosalux.de/theoriepodcast

Gespräch zwischen Dr. Evelin Wittich und Marlen Block, MdL, über unbekannte Facetten und aktuelle Bezüge von Rosa Luxemburg (5.3.2021)

Durch Klick auf das Bild geht es zum Video bei Youtube.

Den Namen Rosa Luxemburg kennen die meisten, viele wissen, dass sie brutal am 15. Januar 1919 von Freikorps ermordet wurde. Von ihrem Leben, ihrer polnisch-jüdischen Familie, ihrer Leidenschaft für die Natur oder fürs Briefeschreiben, ihrem Menschenbild, von ihren theoretischen Schriften und ökonomischen Analysen, ihrem Revolutions-, Macht- und Demokratieverständnis, ihren Positionen zu Nationalismus, Militarisierung, Kolonialismus oder Geschlechtergleichheit ist jedoch in der breiteren Öffentlichkeit wenig bekannt.  

Der 150. Geburtstag bietet den Anlass, sich dieser unbekannten Bekannten der europäischen Arbeiterbewegung und ihrer Aktualität eingehend zu nähern.

Dr. Evelin Wittich (Herausgeberin des Herbariums von Rosa Luxemburg, Mitarbeiterin der Fokusstelle Rosa Luxemburg und von 1990 bis 2008 Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Rosa-Luxemburg-Stiftung) hat im Gespräch mit Marlen Block, MdL (stellv. Vorsitzende der Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg) einige der unbekannten Facetten von Rosa Luxemburg vorgestellt und ist auch auf die Frage eingegangen, warum es lohnt, sich gerade heute mit dieser Kämpferin für die Verbindung von politischer und sozialer Freiheit und Gleichheit zu beschäftigen.

Das Interview wurde am 15. Februar 2021 geführt und am Luxemburg-Geburtstag am 5. März online gestellt.

Zwei Interviews zur "polnischen Rosa Luxemburg" mit Weronika Kostyrko und Holger Politt

Die Journalistin und Schriftstellerin Weronika Kostyrko aus Warschau hat mit Holger Politt, dem Büroleiter des Regionalbüros Ostmitteleuropa der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Polen, zwei Interviews geführt, in der die Schriften von Rosa Luxemburg im Zentrum stehen, die sie auf Polnisch verfasst hat.

  • Interview 1: "Zur Unabhängigkeit Polens"
  • Interview 2: "In der Zwickmühle der revolutionären Entwicklung“

Zu den Interviews bei Soundcloud ...

Rosa Luxemburg in Zamość. In der Synagoge überrascht in diesem Sommer eine ungewöhnliche Ausstellung

Aus Anlass des 150. Geburtstag von Rosa Luxemburg hat das Warschauer Büro der RLS unter Leitung von Dr. Holger Politt eine kleine Ausstellung durch Krzysztof Pilawski und Wojciech Jankowski erarbeiten lassen, die die Familiengeschichte Luxemburgs vorstellt und nun mit Unterstützung der polnischen Stiftung für den Erhalt des jüdischen Kulturerbes in der Synagoge in Luxemburgs Geburtsstadt Zamość besichtigt werden kann.

13. Juli 2021

von Dr. Holger Politt (Leiter des Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Warschau)


Am 8. Juli 2021 wurde in Zamość in der Synagoge eine von der Rosa-Luxemburg-Stiftung geförderte Ausstellung eröffnet, die dem 150. Geburtstag Rosa Luxemburgs gewidmet ist. Weil es im März dieses Jahres wegen der herrschenden Pandemie keine Möglichkeit gab, dem interessierten Publikum die Ausstellung zu zeigen, wurde sie nun in die Sommermonate verlegt. Die Mitveranstalterin, die polnische Stiftung für den Erhalt des jüdischen Kulturerbes, hatte im Vorfeld versichert, das gerade in dieser touristisch besonders aktiven Zeit an Gästen in der Synagoge kein Mangel herrschen werde. Das einstige Gotteshaus, heute im Besitz der Stiftung, dient jetzt vor allem kulturellen Zwecken und erinnert ebenso eindringlich an die jüdische Vergangenheit der Stadt. Ohne Zweifel zählt das mustergültig restaurierte Gebäude zu den Besuchermagneten in Zamość. Kaum jemand, der die südländisch anmutende Stadt im Osten Polens aufsucht, um seine touristische Neugierde zu stillen, lässt den Abstecher in die Synagoge aus.

Nun überrascht dort einladend Rosa Luxemburgs berühmtes Selbstporträt, dessen Original leider als verschollen gilt, das aber auch in der graphisch gelungenen Reproduktion auf prägnante Weise das zeichnerische wie überhaupt künstlerische Talent Rosa Luxemburgs herausstellt. Der ersten folgt die nächste Überraschung, denn den Ausstellungsbesucher wird kein Wort mehr mitgeteilt über das politische und schriftstellerische Werk Rosa Luxemburgs, sondern der Blick wird nun ausschließlich auf Personen gerichtet, die Rosa Luxemburg wie kaum sonst jemand nahegestanden haben, die aber – zwangsläufig – immer im Schatten der Aufmerksamkeit für die weltberühmte Tochter der Stadt geblieben sind.

Rosa Luxemburgs Geschwister – Mikołaj, Anna, Maxymilian und Józef – kamen, wie sie selbst, auch in Zamość zur Welt, sind also allesamt Kinder der Stadt und entsprechend in besonderer Weise mit der Synagoge verbunden. Wie sehr aber Rosa Luxemburg mit ihnen das ganze Leben hindurch verbunden geblieben war, verraten erst die Briefe, die sie an ihre Liebespartner schrieb – an Leo Jogiches und später an Kostja Zetkin. Hier wird deutlicher, welche hohe Meinung Rosa Luxemburg von ihrer älteren Schwester hatte, die sich – so Rosa Luxemburg – ganz anders zu geben pflege als sie selbst. Und wie stolz umgekehrt Anna auf ihre kleine Schwester war, wird ganz nebenbei in wenigen Andeutungen und Nebensätzen deutlich.

Der regelmäßige Kontakt zu den Brüdern brach nie ab, selbst im Gefängnis in Zwickau (1904) erhielt sie Besuch aus Warschau. Und Ende 1905, als Rosa Luxemburg illegal nach Warschau kam, um dort inmitten der Arbeiterrevolution unmittelbarer am Sturz der verhassten Zarenherrschaft mitzuwirken, war die Familie erste und wichtige Anlaufstelle. Die Ausstellung konzentriert sich auf die Lebenswege der Geschwister, die kurz mit geeigneten Illustrationen, Dokumenten nachgezeichnet werden, sowie auf die Schicksale ihrer Kinder, die bereits in jene Strudel geraten, die bildhaft mit den Mühlen der Geschichte umschrieben werden. Ortsnamen wie Katyn, Auschwitz oder Majdanek zeigen den Gästen der Ausstellung plötzlich, wie eng alles mit dem geschichtlichen Bogen verflochten war, die sie nur zu gut kennen. Womöglich erinnert der eine oder die andere sich dann, dass hochrangige Regierungsvertreter Polens Rosa Luxemburg gerne ins Feld der Verräter des Landes schieben, sie überhaupt als eine Feindin Polens abzustempeln suchen.

Das inhaltliche Konzept der Ausstellung stammt von Krzysztof Pilawski, die graphische Umsetzung ist dem Warschauer Künstler Wojciech Jankowski zu verdanken. Beide entschieden sich für den Titel der Ausstellung „Im Blickschatten. Die Familie der berühmten Tochter aus Zamość“. Geplant ist nun, die Ausstellung in einer geeigneten deutschen Fassung und mit Unterstützungen von Landesstiftungen der RLS künftig auch in Deutschland zu zeigen.

Demokratie im Sozialismus. Ein Rückblick auf Georg Lukács' Spätschrift "Demokratisierung heute und morgen" von Holger Politt (2.6.2021)

Anlässlich des 50. Todestags des ungarischen Marxisten Georg Lukács hat sich Dr. Holger Politt intensiv mit dessen Spätschrift Demokratisierung heute und morgen beschäftigt und beleuchtet in seinem Rückblick auch die Verbindungen zu Rosa Luxemburg.

2. Juni 2021

von Dr. Holger Politt (Leiter des Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Warschau)


Selbst die stürmischen politischen Ereignisse des Jahres 1968 änderten bei Georg Lukács wenig in der Überzeugung, dass die entscheidende Alternative zum Stalinismus in der sozialistischen Demokratie besteht – nicht aber in der bürgerlichen Demokratie. Nach den Ereignissen in der ČSSR, die mit der schließlich in Moskau im August 1968 beschlossenen militärischen Lösung einem Rückfall in längst überwunden geglaubte Zeiten gleichkamen, sah sich Lukács veranlasst, öffentlich Stellung zu nehmen in der dringlich gewordenen Frage der Demokratisierung im Sozialismus. Er ging fest von der Überlebensfähigkeit jener Gesellschaften in Europa aus, die sich im Einflussbereich der Sowjetunion nach 1945 in eine selbst zugeschriebene sozialistische, auf jeden Fall aber nichtkapitalistische Richtung entwickelt hatten. Die tiefe Krise dieser Entwicklung, wie sie 1956 die ungarische erschüttert und 1968 die tschechoslowakische Gesellschaft durchlebt hatte, hielt er für eine grundsätzlich lösbare Situation – allerdings mit anderen Mitteln als der einer gewaltsamen und mit militärischen Mitteln erfolgten Überwältigung, auf die die Führungsmannschaft in Moskau in beiden Fällen schließlich gesetzt hatte. Dass Panzer eingesetzt werden mussten, um die Kontrolle über die Entwicklung überhaupt behalten zu können, verstand Lukács als unmissverständliches Indiz für die eklatanten Fehlstellen auf dem bisherigen Weg.

Georg Lukács versuchte sich nach dem sowjetischen Einmarsch in die ČSSR noch einmal an einer radikalen Kritik des Stalinismus, die in Hinsicht ihrer theoretischen Gründlichkeit und der darin vorgeschlagenen Lösungen von einiger Bedeutung ist, auch wenn die Arbeit nicht abgeschlossen wurde. Verwiesen wurde auf das noch vorhandene und nicht unbeträchtliche gesellschaftliche Potential, mit dem ein Abgleiten und das völlige Versinken in bürgerlich-kapitalistische Verhältnisse verhindert werden könne, ohne auf den Einsatz von Panzer angewiesen zu sein. Die Lösung bestand folgerichtig in der Demokratiefrage, die Lukács nun in Erfahrung der seit dem Oktober 1917 erfolgten Entwicklung für den sowjetisch geprägten Sozialismus zu analysieren ansetzte. Dass alle bisherigen Versuche gescheitert waren, das System an Haupt und Gliedern zu demokratisieren, konstatierte er. Dass diese Fehlstelle nun immer mehr auszuwachsen, die ganze, kapitalistische Verhältnisse überwindende Entwicklung abzuwürgen drohte, spürte er wie kaum ein anderer. Doch er ging fest davon aus, dass in dieser Gesellschaft der Keim zur Demokratisierung angelegt sei und entsprechend entwickelt werden könne. Die Vorgänge in der ČSSR wertete er so gleichermaßen und trotz aller Kritik als ein kräftiges Indiz für dieses Potential, zugleich aber als eine letzte Warnstufe, bevor die Entwicklung ins Abseits führt.

Die im Herbst 1968 angefangene Arbeit blieb unabgeschlossen, insofern die stichhaltige Analyse nicht die letzte Stufe der sprachlichen Formung zu einem für die breitere Öffentlichkeit bestimmten Text erlebte. Erstmals wurde der in Deutsch geschrieben Aufsatz Demokratisierung heute und morgen 1985 in Budapest veröffentlicht, wobei die Herausgeber strikt darauf achteten, den Arbeitscharakter der Schrift nicht durch verlegerische Eingriffe zu beseitigen, sondern diesen vielmehr ausdrücklich zu verdeutlichen. Das erschwert fraglos die Rezeption der politischen Spätschrift bis heute, denn im Grunde zwingt die Lektüre dem Leser den nicht einfachen und oft fragmentarisch bleibenden Gang durch die Geschichte der Demokratieanalyse im Marxschen und Leninschen Denken auf. Dort hatte sich Lukács auf die Suche zum Schlüssel für die Lösung der 1968 gestellten Situation gemacht. Seine Abhandlung gliederte der Autor in zwei größere Abschnitte: „Die bürgerliche Demokratie als falsche Alternative für eine Reform im Sozialismus“ sowie „Die echte Alternative: Stalinismus oder sozialistische Demokratie“.

Im ersten Abschnitt geht Lukács strikt von einem historischen Herangehen an die Demokratiefrage aus, verweist darauf, dass jede Enthistorisierung sofort „positiv oder negativ bewertete Fetische“ schaffe oder hervorrufe, mit denen die Eigenschaft als „konkrete politische Ordnungskraft“ verwischt oder schlichtweg ignoriert werde. Die Geschichte der bürgerlichen Demokratie ist so gesehen vor allem eine Geschichte der Selbsttäuschung über die bürgerlichen Inhalte ihrer Kämpfe. Die bürgerliche Demokratie heute ist somit die „aktuelle Aufgipfelung“ einer jahrhundertelangen Entwicklung, die eines manipulierten, mit Hilfe von Manipulationen herrschenden gesellschaftlichen Zustandes. Insofern geht Lukács von einem grundsätzlichen Widerspruch zwischen der nach universeller Verbreitung drängenden Demokratisierung und dem universell zugerichteten kapitalistischen Markt aus. Lukács knüpft an die Marxsche Kritik der modernen Gesellschaft an, wonach die kapitalistischen Verhältnisse zwar diejenigen einer vergesellschafteten Gesellschaft sind, also sich als eine Verwirklichung der menschlichen Gattungsmäßigkeit verstehen können, aber eben eine Verwirklichung, in deren Grenzen sich der Mensch im gesellschaftlichen Maßstab nicht zur echten Gattungsmäßigkeit, zum echten Menschen erheben kann. In der Konsequenz bleibt auch bürgerliche Demokratie ein Versprechen gegenüber einer Mehrheit, das unter kapitalistischen Bedingungen nicht eingelöst werden könne – so das harte Urteil von Lukács. Und entsprechend wird gefolgert, dass die Demokratiefrage im Sozialismus nicht einfach als eine Erweiterung der bürgerlichen Demokratie verstanden werden dürfe – sie sei vielfach ihr Gegenteil. Lukács verwirft die bürgerliche Demokratie als Alternative zur sozialistischen, weil jeder derartige Versuch zur Beseitigung des Sozialismus und – so behauptet er – höchstwahrscheinlich selbst der Demokratie führen müsse. Die späteren Erfahrungen von 1989/90 bestätigen Lukács im ersten Punkt, allerdings nicht mehr in der zweiten Annahme.

Nicht weniger scharf und kritisch ist der Autor, wenn er im zweiten Abschnitt die Entwicklung der Demokratiefrage innerhalb der bisherigen sozialistischen Entwicklung bespricht. Lukács verweist auf Rechtsakte, Institutionen, Einrichtungen, die notwendig gewesen wären, um nach 1917/18 proletarische Demokratie zu entwickeln. Klar benennt er den späteren Bruch unter Stalin, weil jedes Funktionieren von Organen der Demokratie beseitigt worden sei. Infolgedessen verweist Lukács aber auf Formen oder auf angelegte Organe der Demokratie, die vorher in der Leninschen Phase der Entwicklung bestanden hätten. Insbesondere verweist er auf die Rätebewegung, die überall spontan entstanden sei und sich Schritt für Schritt zu immer höherem Bewusstsein erhoben habe. Erst unter Stalin, so Lukács, habe das Rätesystem praktisch zu existieren aufgehört, es sei unter die Räder und in die Mühlen eines radikalen bürokratischen Abbaus geraten.

Der späte Lukács verwies bei Gelegenheit immer wieder auf das Rätesystem der Leninschen Phase, an das jetzt anzuknüpfen und das entsprechend neuer Anforderungen weiterzentwickeln sei. Am tiefsten entwickelte er diesen Gedanken aber in dem Manuskript zu Demokratisierung heute und morgen. So spricht er von „sozialistisch-demokratischen Errungenschaften“, stellt diese der drohenden Bürokratisierung entgegen. Die zentral planende Bürokratie wolle etwa auf ihre absolut führende Rolle ungern verzichten, wiewohl die hier aufgestellten Kriterien, gestellten Aufgaben und eingesetzten Kontrollmittel mit einer die wirklichen Bedürfnisse der Menschen befriedigenden Produktion wenig zu tun hätten. Das Wesentliche des Rätesystems, so Lukács einmal an anderer Stelle, sei, dass es von unten aufgebaut werde, was auch gegenüber dem parlamentarischen System in der bürgerlichen Demokratie von entscheidendem Vorteil sei. Kurzum, Lukács zeigte sich weiterhin optimistisch, war fest überzeugt, dass mit einem Rückgriff auf das Rätesystem, wie Lenin es vor der Stalinschen Periode aufzubauen suchte, der ins Gewicht fallende Mangel an Demokratisierung im Sozialismus behoben werden könne, ohne dass die erreichten Änderungen in der Eigentümerstruktur der Produktionsmittel aufgegeben werden müssten. Insofern also die echte und historische Alternative: die sozialistische Demokratisierung auf der Basis des Rätesystems gegen den Stalinismus. Dass es in den 70er und 80er Jahren im sowjetischen Macht- und Einflussbereich nicht oder nur unzureichend zu einer solchen Entwicklung oder Demokratisierung gekommen ist, darf Lukács nicht vorgehalten werden, er versuchte lediglich tiefer zu entwickeln, was in Rücksicht auf die Demokratisierungsprozesse in der ČSSR und die damit verbundenen Erschütterungen im Gefüge der sozialistischen Gesellschaft seinerzeit abzulesen war. Lukács blieb bei seiner Suche entschieden im System der Sowjetunion, wollte es reformieren, gar revolutionieren, aber nicht verlassen. Zu bedeutend waren ihm die Verdienste der Sowjetunion für die Rettung und Erhaltung der Zivilisation, außerdem habe sie sich zum zweiten Industrieland weltweit erhoben, ohne in der Vergesellschaftung der Produktionsmittel auch nur die geringste Konzession gemacht zu haben.

An einer unscheinbaren Stelle im Text kommt Lukács kurz auf Rosa Luxemburg zu sprechen, der er dabei durchaus richtig unterstellt, aus nachvollziehbaren Gründen keinen genügenden Einfluss auf die Bewegung in ihrer Zeit gehabt zu haben. Diesbezüglich hat die Weltbedeutung Lenins nach 1917/18 natürlich einen ganz anderen Rang. Doch die Erfahrungen von 1989/90 mit dem in kurzer Zeit erfolgenden Zusammenbruch des sowjetisch geprägten Sozialismussystems ändern auch hier die Perspektive. Plötzlich bekamen die Überlegungen Rosa Luxemburgs über den Weg heraus aus kapitalistischen Verhältnissen und hin zu einer sozialistischen Zukunft ein ganz anderes Gewicht – zumindest in der aus historischen Gründen wichtigen Relation gegenüber Lenin. Rosa Luxemburg hörte nun auf, lediglich eine faszinierende Kritikerin des Leninschen Weges zu sein, jetzt wurde sie viel ernster genommen und stand zumindest gleichberechtigt neben dem Leninschen, dem sowjetischen Ansatz.

Es genügt an dieser Stelle, wesentliche Grundlinien aufzuzählen, die sie – anders als Lenin mit seinem machtpolitischen Kalkül – nie zur Disposition stellte. Erstens hatte sie den Gedanken an die Möglichkeit des Aufbaus von Sozialismus in nur einem einzigen Land entschieden abgelehnt, der Weg in die andere Gesellschaftsordnung war ihr ein Weltprozess. Zweitens war ihr der Weg in den Sozialismus immer eine Frage von Mehrheitsverhältnissen. Bei fehlender Mehrheit müsse, so ihre feste Überzeugung, die einmal errungene politische Macht auch wieder aufgegeben, ein neuer Anlauf gesucht werden. Drittens ist die als Diktatur des Proletariats beschriebene Ausnahmesituation eine möglichst kurz zu haltende Übergangsphase, die mit der Einführung einer verfassungsgebenden Versammlung – der Konstituante – abgeschlossen wird. Und viertens dürfen selbst in dieser Ausnahmesituation die drei bürgerlichen Grundfreiheiten nie außer Kraft gesetzt werden – die Meinungs-, die Versammlungs- und die Organisationsfreiheit. Schaut man genauer hin, so erweist sich der von Rosa Luxemburg gezeichnete Weg in den Sozialismus als ein Weg des freiheitlichen Sozialismus, der bei allem Bruch ein großes Erbe aus der bürgerlichen Gesellschaft mitzuführen hat. Der andere Weg, politische Freiheit und demokratische Rechte aus machtpolitischen Gründen auf dem Weg in den Sozialismus aufzugeben, hat sich schließlich als eine Sackgasse der Geschichte herausgestellt.

Die Einlieferung. Eine biographische Notiz zu den Revolutionstagen in Warschau von Holger Politt (28.4.2021)

28. April 2021

von Dr. Holger Politt (Leiter des Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Warschau)


Das Dokument der Zarenbehörde verrät: Rosa Luxemburg und Leo Jogiches wurden am selben Tag in das Gefängnis im X. Pavillon der Warschauer Zitadelle eingeliefert. Ob an diesem Tag der eine vom anderen gewusst hat, diesen schweren Weg ebenfalls zurücklegen zu müssen, wissen wir nicht. Die Einlieferung in die Anstalt, die ausschließlich politische Gefangene beherbergte und in einem ein streng überwachtes Untersuchungsgefängnis wie Hinrichtungsstätte war, wird mit dem 1. April 1906 quittiert – in Warschau war allerdings bereits der 14. April 1906 angebrochen. Dass im polnischen Teil ein anderer Kalender als sonst üblich im Zarenreich galt, gehörte zu den vielen kleinen Besonderheiten jener Zeit.

Die beiden Inhaftierten aber, egal welcher Kalender zählt, gingen noch immer fest vom Sieg der seit Januar 1905 tobenden revolutionären Kämpfe gegen die Zarenherrschaft aus. Doch die bislang vom Feind so gefürchtete Kraft wird in den kommenden Wochen und Monaten, wir wissen es heute, allmählich zum Versiegen kommen. Der Vulkan, um ein damals nicht nur von Rosa Luxemburg gerne gebrauchtes Bild für die eruptive Kraft der Revolution anzuführen, wird nicht mehr ausbrechen. Die Konterrevolution gewinnt allmählich wieder an Raum, bekommt schließlich das Heft des Handelns zurück und schlägt zurück, um wieder Ruhe und Ordnung gegen den bislang gefährlichsten Gegner des Zarensystems herzustellen.

Als Rosa Luxemburg Ende Juni 1906 in Warschau überraschend freikam, klang sie in ihrer ersten Reaktion allerdings noch immer zuversichtlich: Die Revolution ist großartig, alles andere ist Quark. Erst einige Zeit später, nämlich 1908, beginnt sie – bereits wieder aus Berlin und immer noch im engen politischen Schulterschluss mit Leo Jogiches – den Gründen für den Niedergang der Revolution tiefer nachzuspüren. Die tiefgreifende Analyse „Lehren aus den drei Dumas“ (1908) ist bestes Zeugnis für die intensive Suche, den Ausweg aus der politischen Niederlage zu finden, nachdem es der Zarenbürokratie ab Mitte 1906 gelungen war, das angestaute Revolutionspotential immer erfolgreicher auf das in die politische Irre führende Gleis eines obrigkeitsstaatlichen Parlamentarismus von des Zaren Gnaden zu schieben.

Doch Mitte April 1906 warten auf die beiden nun lange Wochen, in denen sie zu einer schwer zu ertragenden Untätigkeit verurteilt sind. Für diese Zeit im strengstens abgeschotteten X. Pavillon gibt es im Falle Rosa Luxemburgs bis heute nur zwei bekannte Zeitungsbeiträge, die herausgeschmuggelt werden konnten, und keine bekannten Briefe. Nie in ihrer revolutionären Laufbahn war Rosa Luxemburg derart weggesperrt vom öffentlichen Leben, kaum etwas ist bekannt über die langen zehn Wochen einsamen Daseins hinter den dicken Mauern der Warschauer Zitadelle. Gegen Abend wurden dort für längstens zwei Stunde Tageslicht und frische Luft in die ansonsten verblendeten Zellen gelassen. Sie und Leo Jogiches saßen in der Falle, mit Schlimmem musste gerechnet werden, sie wussten darum.

*

Ihre Tarnung als eine Anna Matschke hatte Rosa Luxemburg bereits vor der Überstellung aufgeben müssen, die Gegenüberstellung mit ihrer Schwester Anna ließ keine Wahl. Jetzt hatte sie zugeben müssen, was die Zarenbehörden ohnehin bereits wussten, nämlich Rosa Luxemburg zu sein. Den anderen Namen habe sie nur deshalb benutzt, weil sie mit dem Reisepass einer Freundin eingereist sei. Im Übrigen habe sie sich tatsächlich für die aktuelle „soziale Bewegung“ im Zarenreich interessiert, über die sie journalistisch aber ausschließlich für verschiedene deutsche Zeitungen berichtet habe.

Indes spielte den Ermittlungsbehörden ein Zeitungsbeitrag in die Hände, woran im Januar 1906 noch niemand denken wollte. In der illegal in Warschau herausgegebenen sozialdemokratischen Zeitung „Czerwony Sztandar“ (Rote Fahne) war zu jener Zeit ein Leitartikel tatsächlich mit ihrem Namen überschrieben worden, ansonsten zeichnete sie polnische Texte dieser Zeit nicht. Nun aber konnten die Zarenhäscher in der in Warschau illegal gedruckten Zeitung Rosa Luxemburgs Ausführungen lesen, die an Hochverrat grenzten: „Die Arbeiterrevolution, die im Zarenreich seit einem Jahr anhält, durchlebt derzeit ihre wahrscheinlich schwierigste und wichtigste Phase. Die Konterrevolution sammelt sich und bietet ihre letzten Kräfte auf.“ Beim Erscheinen des Textes konnte noch berechtigt angenommen werden, die Verfasserin befinde sich im fernen Ausland, denn noch wussten nur ganz wenige, dass die berühmte Autorin Rosa Luxemburg bereits im revolutionsschwangeren Warschau sich aufhielt.

Der Namenszug über dem Beitrag war als wichtig erachtet worden, weil es innerhalb der polnischen Arbeiterbewegung ein Jahr nach Ausbruch der Revolution zu schwerwiegenden Auseinandersetzung gekommen war, die schnell und gründlich geklärt werden sollten. In einem offenen Brief hatte Ignacy Daszyński, der weithin anerkannte Spitzenmann der polnischen Sozialisten im österreichischen Galizien, an die polnische Arbeiterbewegung im Zarenreich appelliert, sich nicht vereinnahmen zu lassen von der russischen Bewegung, weil so die Gefahr drohe, die besonderen polnischen Ziele – also die Wiederherstellung der staatlichen Unabhängigkeit Polens – aus dem Auge zu verlieren. Rosa Luxemburg wertete Daszyńskis Position als offenen Verrat an der Arbeitersache, für die in der Revolution im Zarenreich mit kostbarstem Arbeiterblut gekämpft werde, als einen feigen Versuch geradezu, der revolutionären Bewegung in den polnischen Industriezentren in den Rücken zu fallen. Um die erhoffte Wirkung des Beitrags nun zu verstärken, entschied der ansonsten überaus vorsichtige Redakteur Leo Jogiches in diesem einen Fall eine Ausnahme zu machen, die angewandte Deckung zu verlassen und den prominenten Namen zu drucken.

Das Blatt „Czerwony Sztandar“ erschien seit Ende Dezember 1905 wieder regelmäßiger, glich in der Erscheinungsweise nun immer mehr einer revolutionären Tageszeitung. Entscheidender Anteil an der Redaktionsarbeit entfiel jetzt auf Rosa Luxemburg, die auch deshalb Ende 1905 getarnt nach Warschau gekommen war. Die Zeitungsredaktion wurde für Rosa Luxemburg und Leo Jogiches zum – strengstens geheim gehaltenen – revolutionären Hauptquartier, bevor beide Anfang März 1906 in ihrem Nachtquartier dennoch entdeckt und von der Zarenpolizei festgenommen werden konnten.

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Die entscheidende Rolle hatte feiger Verrat gespielt, sonst wäre das dichte Netz besonderer Vorsicht nicht zerschnitten worden. Die geheim gehaltene Redaktion in der Warschauer Innenstadt und der kurze Weg hinüber zur privaten Pension, in der beide getrennte Zimmer hatten, bildeten – bis auf die wenigen Ausnahmen – den kleinen und gut abgeschirmten Raum in der aufgewühlten Stadt, der für Rosa Luxemburg und Leo Jogiches so etwas wie die Kapitänsbrücke gewesen ist. Und dennoch hatte die Polizeibehörde die sensationelle Nachricht erreicht, dass sich die beiden führenden Persönlichkeiten der Sozialdemokratie des Königreichs Polen und Litauens (SDKPiL) mit entsprechender Tarnung in Warschau aufhielten. Der entscheidende Hinweis führte schließlich am Abend des 4. März 1906 zur überraschenden Verhaftung der beiden, erst wurde Rosa Luxemburg in ihrem Zimmer gestellt, dann ging auch Leo Jogiches in die Falle. Beide stritten entschieden ab, sich überhaupt näher zu kennen, sie seien nur zufällig Zimmernachbarn in derselben Pension. Während Rosa Luxemburg gegenüber den Zarenbehörden die wahre Identität zugeben musste, hielt Leo Jogiches hartnäckig an der Tarnung fest. Er wurde als Otto Engelmann in den X. Pavillon eingeliefert, allerdings arbeiteten die Zarenbehörden auch in seinem Fall fieberhaft daran, ihm die richtige Identität abzunötigen.

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Bevor beide Häftlinge hoch über der Stadt zur Zitadelle transportiert wurden, um von nun an das benötigte Belastungsmaterial für die geplanten Prozesse zusammenzustellen, hatten beide seit der Verhaftung im März durchaus noch Bedingungen vorgefunden, die leidlich zu ertragen waren. Jedenfalls kam vieles noch ihrem Temperament entgegen, beinahe sah es so aus, als könnte die begonnene Tätigkeit sogar fortgesetzt werden. Rosa Luxemburg an Luise und Karl Kautsyk – es ginge ihr sogar gut, meinte sie trotzig Anfang April 1906: „Ruhe und Ordnung, Einsamkeit; Essen kriege ich mehr, als ich brauche, Spaziergang auch jeden Tag. Die Hauptsache ist aber: häufige Verbindungen mit der Außenwelt, so dass ich in ständiger Fühlung mit den Freunden bin und – schreiben kann!“ Mehrere Broschüren konnte sie fertigschreiben, darunter mit „Zur Konstituante und zur Provisorischen Regierung“ einen der grundlegenden Texte zu ihrem Revolutionsverständnis.

Und Leo Jogiches hatte die Möglichkeit, sich in diesen Wochen öfter und näher mit den Mithäftlingen Henryk Walecki und Marian Bielecki auseinanderzusetzen, die eine zentrale Rolle in der Polnischen Sozialistischen Partei (PPS) spielten, in dieser Zeit hinter der Entscheidung standen, sich von einer von Józef Piłsudski angeführten Minderheit zu trennen, die in der Revolution dem bewaffneten Kampf einen Vorrang einräumten, nicht der Massenbewegung in den Industriezentren. Walecki und Bielecki hatten im Januar 1906 Daszyńskis offenen Brief in ähnlicher Weise scharf kritisiert wie Rosa Luxemburg und Leo Jogiches. Geschmiedet wurden jetzt Pläne, mit einem gewagten Ausbruch zehn mit der Todesstrafe bedrohte Mitgenossen zu retten, außerdem Rosa Luxemburg und Leo Jogiches dabei freizubekommen. Bevor die Aktion erfolgreich durchgeführt werden konnte, denn die zum Tode Bestimmten wurden in einer halsbrecherischen Aktion tatsächlich befreit, waren Leo Jogiches und Rosa Luxemburg bereits in die Zitadelle, also an einen Ort verlegt worden, von dem es kein Entkommen mehr gab. Rosa Luxemburg selbst hatte sich kurz zuvor den Kautskys gegenüber noch zuversichtlich gezeigt: „Wie die Sache steht, habe ich keine Ahnung, meine Freunde hoffen, mich bald bei Euch zu sehen.“  

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Bei der Einlieferung in den X. Pavillon werden Rosa Luxemburg und Leo Jogiches an ihren gemeinsamen Freund und engen Kampfgefährten gedacht haben – an Marcin Kasprzak. Der war sieben Monate zuvor am 8. September 1905 an dieser Stelle auf dem Schafott gestorben. Rosa Luxemburg hatte damals für das von Leo Jogiches redigierte Revolutionsblatt „Z Pola Walki“ geschrieben: „Anderthalb Jahre Folter in den mörderischen Kasematten der Warschauer Zitadelle haben ihr übriges getan. Als der durch den Kampf erschöpfte Held des polnischen Proletariats in die Klauen der nach Blut und Rache gierenden Geier der Zarenherrschaft geriet, war er bereits eine Ruine von Mensch.“

Marcin Kasprzak hatte im Auftrag der beiden am Stadtrand von Warschau noch vor Ausbruch der Revolution nach einem geeigneten Standort für eine Geheimdruckerei gesucht, war allerdings im April 1904 den Zarenhäschern durch unglücklichen Zufall in die Falle gegangen. Bei einem heftigen Schusswechsel kamen vier Polizeibeamte ums Leben, die Verantwortung dafür hatte Kasprzak auf sich genommen. Rosa Luxemburg, die entschieden gegen einen unnötigen Einsatz von Waffen im revolutionären Kampf und gegen sinnloses Blutvergießen war, entschuldigte Kasprzaks Tat entschieden mit einem stichhaltigen Argument: Er habe sich eingesetzt für das unveräußerliche Recht auf Meinungsfreiheit, das der Arbeiterbewegung in Polen von den Zarenbehörden mit brutalen Mitteln verweigert werde. Das sei etwas anderes als die Taktik sogenannter revolutionärer Attentate, bei der unschuldiges Menschenopfer bewusst in Rechnung gestellt werde.

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Rosa Luxemburg kam Ende Juni 1906 unter strengen Auflagen frei. Der volle Einsatz der Spitzen in der SPD und der Familie in Warschau hatte schließlich zum Erfolg geführt. Auf der Flucht vor dem ausstehenden Strafprozess verließ sie Warschau und das Zarenreich, kam im September 1906 wieder nach Deutschland. An Luise und Karl Kautsky schrieb sie am 17. September 1906, einem Montag, aus Stockholm: „Am Dienstagnachmittag bin ich in Hamburg, wo ich einige Tage Rast mache.“

Leo Jogiches blieb indes weitere lange Zeit in der Zitadelle inhaftiert, wurde am 10. Januar 1907 vom Kriegsgericht zu acht Jahren Verbannung verurteilt. Aus einem anderen Warschauer Gefängnis, in dem die Gefangenentransporte nach Sibirien zusammengestellt wurden, gelang ihm am 15. März 1907 die spektakuläre Flucht. Er blieb zunächst einige Zeit in Warschau, übernahm erneut die Redaktion von „Czerwony Sztandar“. Später gelangte er über Krakau zurück nach Berlin, wo er im April 1907 eintraf. Rosa Luxemburg hatte inzwischen allerdings triftigen Grund, die Lebensgemeinschaft mit Leo Jogiches zu beenden. Beide blieben indes engste politische Partner und Freunde. Rosa Luxemburgs wichtige polnischen Schriften aus der Zeit nach 1907 wären ohne das enge Mitwirken ihres einstigen Lebenspartners wahrscheinlich nicht geschrieben worden.

Die angeführten Zitate Rosa Luxemburgs stammen aus Band 2 der „Gesammelten Briefe“ sowie aus dem Band „Arbeiterrevolution 1905/06. Polnische Texte“.

Im Dienste Rosa Luxemburgs - Gespräch mit Claudia von Gélieu und Jörn Schütrumpf (12.4.2021)

Vor kurzem ist im Karl Dietz Verlag Berlin das Buch "Rosa Luxemburg in Berlin. Ein biografischer Stadtführer" erschienen, der reichlich bebildert, mit Karten und ergänzenden Audios versehen, den Lebensweg von Rosa Luxemburg im damaligen Zentrum der internationalen Arbeiterbewegung nachzeichnet.

Die Autorin, Claudia von Gélieu, stellte im Gespräch mit Jörn Schütrumpf das Buch vor,  wobei der Schwerpunkt auf den - mal mehr, mal weniger bekannten - Personen lag, die in Diensten Rosa Luxemburgs standen: z.B. Dienstmädchen, Stenotypistinnen, Sekretärinnen, Redakteure, Freund*innen, Rechtsanwälte, Weg- und Lebensgefährten.

Das Gespräch wurde am 12. April 2021 in einer Veranstaltung von Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen-Anhalt und der RLS Fokusstelle Rosa Luxemburg gemeinsam mit dem Kulturforum der RLS und den Landesstiftungen Bayern und Brandenburg geführt und von der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen-Anhalt aufgezeichnet.

  • Claudia von Gélieu (Autorin, Mitinitiatorin der Frauentouren)
  • Dr. Jörn Schütrumpf (Leiter der RLS Fokusstelle Rosa Luxemburg)
  • Begrüßung: Gabi Henschke (RLS Sachsen-Anhalt)

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Rosas Wiege - Videogruß und Text zu Luxemburgs Kindheit und Jugend von Dr. Holger Politt (5.3.2021)

„Anscheinend sehe ich aus wie ein Mensch, der die Pflicht hat, ein großes Werk zu schreiben."

Rosa Luxemburg


Ein Geburtstagsgruß aus Zamość zum 5. März 2021

von Dr. Holger Politt (Leiter des Büros der RLS in Warschau, Übersetzer und Herausgeber der polnischen Schriften von Rosa Luxemburg)


Rosas Wiege wurde notariell bestätigt, auch ist bekannt, wo sie gestanden hat. Selbst wenn sich weder in Zamość noch anderswo ein Dokument finden lässt, das das exakte Geburtsdatum verriete, gibt es so wenigstens den festen Anhaltspunkt, der von der Ankunft des neuen Erdenbürgers zeugt. Die Stadtarchivarin Ewa Lorentz stieß vor einigen Jahren auf einen merkwürdigen Kaufvertrag, mit dem Edward Luxenburg im März 1871 den gesamten Hausstand der Familie an die Ehefrau Lina, geborene Löwenstein, veräußerte. Darin aufgelistet war auch eine Wiege aus Fichtenholz, rot angemalt und auf 50 Kopeken taxiert.

Die nun siebenköpfige Familie bewohnte zu jener Zeit im Parterre zwei nicht allzu geräumige Zimmer in einem schmucklosen Haus in der damaligen Ogrodowa-Straße, wenige hundert Meter vom Marktplatz entfernt, der dazugehörige Obstgarten endete bereits an der Stadtmauer. Das Haus gehörte der Familie allerdings nicht mehr, es war wegen wirtschaftlicher Zwänge verkauft worden. Jetzt wohnte sie nur noch zu ausgehandelten Bedingungen auf bestimmte Zeit zur Miete beim neuen Eigentümer, dem Popen der orthodoxen Kirche in der Stadt. Der baldige Auszug nach Warschau war also vorgegeben, er war nur noch eine Frage der Zeit.

Von dort war einst Abraham Luxenburg, Rosas Großvater väterlicherseits, hierhergezogen, weil er in eine in Zamość ansässige wohlhabende jüdische Familie eingeheiratet hatte und fortan das kaufmännische Glück von hier zu zwingen suchte. Edward und drei weitere Brüder kamen allesamt in Zamość zur Welt, der Familie ging es entsprechend, wie die Wohnstätten in dem vom Wohlstand zeugenden Stadthäusern am Salzmarkt und Markt verraten. Abraham hatte für seinen ältesten Sohn Edward außerdem das Haus in der Ogrodowa-Straße erworben, bevor er selbst wieder mit seinen anderen Kindern nach Warschau zurückkehrte.

Dann ging es auf und ab in den geschichtlichen Turbulenzen, Abraham verlor bald sein ganzes Vermögen, war plötzlich ein ruinierter Mann und gegenüber dem russischen Fiskus hochverschuldet. Er ging vor der ihm drohenden Verfolgung seitens der russischen Behörden außer Landes, kam schließlich nach Berlin, wo er 1872 verstarb und begraben wurde. Die Schulden aber bürdete sich Edward auf, der älteste Sohn – der Grund also, weshalb er Haus und Hof verkaufen und schließlich Zamość wenig später mit Sack und Pack verlassen musste. Rosa Luxemburg war zu diesem Zeitpunkt höchstens drei Jahre alt, wird sich später kaum noch an etwas erinnern können.

In Warschau wächst Rosa Luxemburg bürgerlich auf, dafür sorgt die große Familie, auch wenn die Eltern – Edward und Lina – nie aus gewissen materiellen Engpässen herauskommen werden. Aber für ein anständiges Dach über dem Kopf und vor allem für gute Bildung ist gesorgt. Der feste Wunsch, an einer Universität zu studieren, zeichnet den Weg ins Ausland, in die Schweiz und nach Zürich vor, denn in Warschau war es den Frauen – wie anderswo im Zarenreich – trotz Hochschulreife verwehrt, sich zu Studienzwecken einzuschreiben.

Der Sozialismus war Rosa Luxemburg freilich nicht in die Wiege gelegt, dahin kam sie auf anderen Wegen und als einzige aus ihrer Familie. Der Weg dahin setzte frühzeitig ein, bereits als frischgebackene Abiturientin engagierte sie sich in Warschau für Arbeiterbildung, was von den Zarenbehörden strengstens verfolgt wird. Aus Spuren in den frühen Texten lässt sich immerhin rekonstruieren, dass sie außerdem Kindern, die bereits in jungen Jahren in den Fabriken der Stadt arbeiten mussten, das Lesen und Schreiben beizubringen suchte. Auch das wurde verfolgt, es wiedersprach den strengen Regeln des Versammlungsrechts. Vielleicht war die in Warschau und anderswo in den Fabrikstädten des Zarenreiches grassierende Kinderarbeit, die der jungen und aufmerksamen Rosa Luxemburg die schmerzliche, brutale Kehrseite der bürgerlichen Gesellschaft oft genug vor Augen führte, überhaupt der wunde Punkt, der Rosa Luxemburgs frühe Entscheidung für den Sozialismus in einem großen Maße prägte. Als die blutjunge Frau Warschau verließ und im Februar 1889 in Zürich eintraf, war der Weg bereits gewiesen, der sie in die Reihen der europäischen Arbeiterbewegung führt.