Nachricht | Kultur / Medien Provinz versus Provinzialität: Grenzen. Grenzüberschreitung. (Inter)Kulturelle Bildung

Dritte Kulturkonferenz der Rosa-Luxemburg-Stiftung fand Anfang Mai in den Uckermärkischen Bühnen Schwedt statt

Für den 4. Mai 2013 hatten die Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg, das Kulturforum der Rosa-Luxemburg-Stiftung und die Fraktion Vereinte Europäische Linke / Nordische Grüne Linke zur bereits dritten Kulturkonferenz PROVINZ VERSUS PROVINZIALITÄT nach Schwedt / Oder eingeladen. Nach den beiden Konferenz im Theater am Rand in Zollbrücke und dem Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen sollte es nun an den Uckermärkischen Bühnen Schwedt um GRENZEN. GRENZÜBERSCHREITUNG. (INTER)KULTURELLE BILDUNG gehen.

In Vorträgen, Gesprächsrunden und Interviews widmeten sich Reinhard Simon, Gabi Zimmer, Frauke Havekost, Christel Hartmann-Fritsch, Alfred Eichhorn, Gerd-Rüdiger Hoffmann, Annette Mühlberg, Lothar Bisky, Przemysław Konopka, Helmut Scholz, Daniela Trochowski, Ulrike Erdmann, Dieter Wiedemann, Warcisław Kunc, Ulrike Kremeier, Ireen Kautz, Bernd Buder, Volker Rehberg, Oliver Spatz, Holger Politt, Konstanze Kriese, Angela Šurmanowa, Cathleen Bürgelt und Marlen Meißner den Themen: Interkulturelle Jugendarbeit und soziale Inklusion, Europa als kulturelles Projekt, Die Welt im Kinderfilm, EU-Förderprogramme und die Wirklichkeit. Außerdem gab es Projektvorstellungen und am Abend dann „The Rocky Horror Show“ in einer Schwedter Inszenierung.

Thema und Ort

Einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Konferenz in Schwedt bestiegen schon um 5 Uhr im Süden Brandenburgs den Sonderbus, der sie nach Schwedt brachte. Nach 2 Uhr am nächsten Tag waren sie wieder zu Hause. Das wussten sie vorher und hatten sich trotzdem angemeldet. Hinter ihnen lag ein anstrengender und wohl auch interessanter und unterhaltsamer Tag. Das war im Vergleich zu den beiden vorangegangenen Konferenzen nicht neu. Das Thema „Grenzen. Grenzüberschreitung. (Inter)Kulturelle Bildung“ war in dem Sinne nun auch nicht neu, da Interkulturelles und Kulturelle Bildung auch bei den ersten beiden Konferenzen immer wieder eine Rolle spielten – „Kulturelle Substanz im ländlichen Raum“ 2011 und „'Pisa-Schock' und Musische Bildung“ 2012. Neu war zuerst selbstverständlich der Ort: Schwedt an der Oder, wieder ein Ort weit im Osten, wieder in einem Theater, den Uckermärkischen Bühnen Schwedt. Und neu war, dass die Fraktion Vereinte Europäische Linke / Nordische Grüne Linke (GUE/NGL) im Europäischen Parlament Mitveranstalter dieser Kulturkonferenz war.

Bereits mit den Begrüßungsreden von Cathleen Bürgelt (Lausitzbüro der Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg), Reinhard Simon (Intendant der Uckermärkischen Bühnen), und Gabi Zimmer (Fraktionsvorsitzende der GUE / NGL) war den Anwesenden klar, auch in diesem Jahr wird zum Thema geredet, wird man sich unkompliziert in den Pausen zu weiteren Treffen verabreden können und es wird keine Trennung zwischen politischer Prominenz, Kulturfachleuten und Gästen geben. Gefragt ist, wer etwas zum Thema beitragen kann, unabhängig von seiner Stellung in irgendeiner Hierarchie. Anders gesagt, bei diesen Kulturkonferenzen gibt es keine offiziellen politischen Einleitungen, die mit dem weiteren Fortgang der Veranstaltung nichts zu tun haben. Es geht gleich zur Sache.

Und so konnte sich die Hauptreferentin Christel Hartmann-Fritsch (Geschäftsführendes Vorstandsmitglied für Kunst- und Kulturvermittlung in Europa der Stiftung Genshagen / Berlin-Brandenburgisches Institut für deutschfranzösische Zusammenarbeit in Europa) immer wieder auf die kurze Begrüßungsrede von Gabi Zimmer und die Einführung von Frauke Havekost (Landesverband der Musik- und Kunstschulen in Brandenburg) beziehen, weil alle drei Rednerinnen darin übereinstimmten, dass Kulturelle Bildung eben nicht bloß ein Ressort ist, sondern wie im Kulturbegriff angelegt den ganzen Menschen und alle Altersgruppen umfasst. Ja, Kunst ist darin eingeschlossen Katalysator für kulturelle Bildung, interkulturelle Jugendarbeit und soziale Inklusion. Scheinbar nebenbei verteidigte Christel Hartmann-Fritsch die multikulturellen Ansätze der Vergangenheit, die heute nicht selten mit verächtlichem Kopfschütteln bedacht werden. „Multikulti“, so meinte die Referentin, sei wichtig gewesen, weil es auch galt, Neues kennenzulernen und Scheitern zu erfahren. Wichtig seien immer wieder Begegnungen. Wer sich kennt und andere ursprünglich fremde Menschen kennenlernen möchte, baut in der Regel Vorurteile oder gar Hass oder rassistische Einstellungen ab.

Aufgabe des seit der ersten Kulturkonferenz engagierten Moderators Alfred Eichhorn war es in seinem ersten Auftritt, im Interview mit dem Intendanten Reinhard Simon und mit dem Kulturpolitiker Gerd-Rüdiger Hoffmann der Frage nachzugehen, wie es zur Wahl dieses Themas „Grenzen. Grenzüberschreitung. (Inter)Kulturelle Bildung“ kam und warum Schwedt ausgewählt wurde.

Europa als kulturelles Projekt

Lothar Bisky (Mitglied des Europäischen Parlaments und langjähriger Parteivorsitzender der Linken) war in Schwedt als Kulturexperte gefragt und trug Wesentliches zum Thema „Europa als kulturelles Projekt“ bei. Er analysierte auch das kulturpolitische Programm der EU, das Kultur zunehmend auf die Funktion als Wirtschaftsfaktor einengt und in den Dienst der Wettbewerbsfähigkeit stellt. Er wie auch Annette Mühlberg (Sprecherin der Ständigen Kulturpolitischen Konferenz der Partei DIE LINKE), die diesen Europaabschnitt der Konferenz moderierte, machten deutlich, dass die programmatische und praktische Verankerung von Kultur im Sinne eines weiten Kulturbegriffs innerhalb der Partei immer wieder auf teils irrationale Widerstände stößt. Darin unterscheidet sich gegenwärtig DIE LINKE nicht von anderen Parteien. Trotzdem stimmt hoffnungsvoll, dass es immer wieder Landes- und Bundespolitiker dieser Partei gibt, die bereit sind, sich von Kulturfachleuten und Künstlerinnen und Künstlern gar inspirieren zu lassen.

Und so waren die Bundestagsabgeordnete Sabine Stüber und die Landtagsabgeordneten Gerrit Große (Vizepräsidentin des Landtages Brandenburg) und Axel Henschke aus Frankfurter/Oder nach Schwedt gekommen, um vor allem interessiert zuzuhören. Bereits beim Vorbereiten der Konferenz gab es Unterstützung durch Klaus Hempel, der seit Jahren Bildungsveranstaltungen der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Schwedt und Umgebung organisiert.

Das Thema Europa wurde bereichert durch die Beiträge der Staatssekretärin im brandenburgischen Finanzministerium Daniela Trochowski und den im deutsch-polnischen Verein Terra Incognita aktiven Literaturwissenschaftler und Journalisten Przemysław Konopka. Letzterer forderte in sehr präzisen Thesen eine Anpassung der EU-Förderpolitik an die aktuellen Gegebenheiten – durch eine größere Transparenz bei den Entscheidungsprozessen, eine Vereinfachung des Antrags- und Abrechnungssystems, die Schaffung regionaler Darlehenssysteme und eine Vereinheitlichung der vier Euro-Regionen an der deutschpolnischen Grenze. Und er verlangte mehr Respekt gegenüber ehrenamtlich Aktiven. Hier gab es in Beiträgen aus dem Publikum immer wieder Zustimmung.

Helmut Scholz (Mitglied des Europäischen Parlaments) betonte, dass die Linken immer wieder versuchen, genau diese von Przemysław Konopka genannten Kriterien der Förderung durchzusetzen. Doch leider fehlen dazu fast immer die entsprechenden Mehrheiten. Daniela Trochowski machte darauf aufmerksam, dass es vor allem das sehr auf Eigennutz setzende nationalstaatliche Gebaren der konservativen Bundesregierung ist, das ein wirklich solidarisches und zukunftsorientiertes Handeln auf europäischer Ebene behindert. Dennoch bemühe sich die brandenburgische Landesregierung, besonders im Verhältnis zu Polen das Beste herauszuholen. Die Staatssekretärin, die sich sehr für die Theater auch außerhalb der Landeshauptstadt interessiert und nicht selten auch ohne „Dienstauftrag“ dort zu Vorstellungen gesehen wird, betonte, dass Kultur und Bildung Schwerpunkte im Haushaltsplan der Regierung bleiben werden.

Kultur- und Sozialpolitik

Wenn auch die Konferenz ganz und gar nicht parteipolitisch sortiert war, dass die Rosa-Luxemburg-Stiftung der Linken nahe steht, sollte nicht verleugnet werden. Im Gegenteil, weshalb auch immer wieder kulturpolitische und sozialpolitische Fragestellungen miteinander in Verbindung gebracht wurden. Auf große Zustimmung stießen die prononcierten Äußerungen von Ulrike Kremeier, seit wenigen Monaten Direktorin des Kunstmuseums Dieselkraftwerk (dkw) in Cottbus, die genau diesen Punkt betonte. Interkulturelle Begegnungen, zwischen Polen und Deutschen zum Beispiel auf dieser Konferenz, seien gar nicht das Problem. Die Unterschiede und Probleme ergäben sich im Leben der Städte und Dörfer vor allem aus sozialen Unterschieden, die mit ethnischer Herkunft nicht immer etwas zu tun hätten. Es ginge also darum, die soziale Schieflage auch über eine kluge Kulturpolitik beseitigen zu helfen. Kunst darf dabei allerdings nicht zur sozialarbeiterischen Füllmasse degradiert werden. Auch zwischen den Generationen gilt es zu vermitteln, was Ulrike Kremeier eindrücklich am Beispiel des Umgangs mit der Kunst aus der Zeit der DDR in ihrem Museum veranschaulichen konnte. Am Beispiel der Sorben/Wenden-Politik erläuterte Angela Šurmanowa (Lehrerin am Niedersorbischen Gymnasium Cottbus und Mitglied des Sorben/Wenden-Rates im Landtag Brandenburg), dass im Interesse des Bewahrens und Förderns von interkultureller Kompetenz Minderheitenpolitik einen höheren Stellenwert im Brandenburg erreichen sollte. Steffi Kaygusuz-Schurmann aus Cottbus, die zur Zeit an ihrer Promotion zu Stuart Hall arbeitet, regte im Anschluss an die Konferenz an, zukünftig stärker „Subkulturen“ oder auch „Protestkulturen“ zu Wort kommen zu lassen.

Aus der Praxis kultureller Bildungsarbeit

Auf der Konferenz wurden verschiedene Praxisbeispiele vorgestellt. So berichtete der Dramaturg Oliver Spatz über die Aktivitäten des deutsch-polnischen KulturBiuros der Bildungs- und Begegnungsstätte Schloß Trebnitz, das sprach- und landeskundlichen Unterricht, zweisprachige Theateraufführungen, Literaturfestivals und andere Begegnungsprogramme für kreative Erwachsene anbietet. Die Historikerin Cathleen Bürgelt stellte die Aktion „Stolpersteine“ in Senftenberg vor, deren Ziel es sei, die Spuren von den Nazis verfolgter und zum großen Teil ermordeter Kommunisten, Juden, Sozialdemokraten und Gewerkschafter zu erforschen, sie mit einem Stolperstein zu ehren und gleichzeitig Bildungsarbeit so zu leisten, dass sich Junge wie Alte ermuntert fühlen, sich aktiv für eine lebendige Demokratie einzusetzen. Der Direktor der Musik- und Kunstschule „Johann Abraham Peter Schulz“ Schwedt/Oder Volker Rehberg erläuterte in seinem interessanten Vortrag anschaulich, wie mit relativ wenig Geld ein so erfolgreiches Projekt wie „Klasse: Musik!“ zustande gebracht werden kann. Hier werden Kinder grundsätzlich im Klassenverband, also ohne Exklusion, an Musik und Kunst herangeführt. Die Verbindung von musischer Bildung, Erziehung zur sozialen Kompetenz und Inklusion gelingt hier fast immer.

Ein weiteres Praxisbeispiel war sozusagen bereits erlebbar, bevor die Konferenz richtig begonnen hatte. Dieses Beispiel sind die Uckermärkischen Bühnen Schwedt selbst. Hier sind seit 1990 ein Kulturhaus mit einem 800-Zuschauersaal und ein Theater zusammengewachsen. Kulturell und mental ist den Akteuren um den Intendanten Reinhard Simon und der künstlerischen Betriebsdirektorin Ireen Kautz Szczecin oft viel näher als Potsdam. Pierre Wilhelm, der sich um die Wiederbelebung des Kulturhauses Plessa weit im Süden Brandenburgs bemüht, kann wohl von einer solchen Erfolgsgeschichte vorläufig nur träumen.

Theorie und Praxis

Nur scheinbar im Kontrast zu diesen und anderen Praxisbeispielen standen das Interview des Moderators Alfred Eichhorn mit dem Herausgeber und Übersetzer der Schrift von Rosa Luxemburg „Nationalitätenfrage und Autonomie“ Holger Politt und der Bericht der Wissenschaftlerin Marlen Meißner von der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus über das internationale Forschungsprojekt „Cultural Capital Counts“, das sie koordiniert. Nicht zuletzt durch die lebendige Art der Darstellung war es kein Problem, mit diesem Theorieteil dennoch dicht am Thema zu bleiben. Rosa Luxemburg stellt in ihrer Schrift die Frage, ob der Begriff Nationalität überhaupt noch positiv zu besetzen ist. Eine aktuelle Fragestellung, meint Holger Politt. Das von Marlen Meißner vorgestellte Projekt am UNESCO-Lehrstuhl für Weltkulturerbe beschäftigt sich mit dem Vergleich und den Möglichkeiten des Bewahrens von immateriellen kulturellen Werten. Das, so zeigte die Konferenz, hat sehr praktische Bedeutung.

Mit sprühendem intelligenten Witz und viel Wissen beteiligte sich Warcisław Kunc (ehemaliger Direktor der Oper Szczecin und jetzt Professor an der Akademia Muzyczna w Poznaniu) an der Diskussion. Er verdeutlichte noch einmal, dass es um die Menschen geht, wenn wir von kultureller Bildung sprechen. Begegnungen seien wichtig. Und dann passiere Erstaunliches. So profitiere nicht nur Schwedt von der Metropole Szczecin, sondern die Metropole Szczecin erhält in der Kooperation sehr viele Anregungen von der Provinzstadt Schwedt. Das habe allerdings mit dem Niveau des hiesigen Theaters zu tun.

Die Welt im Film

An den Vortrag „Die Welt im Kinderfilm“ des Medienwissenschaftlers und ehemaligen Präsidenten der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf Potsdam-Babelsberg Dieter Wiedemann waren besonders hohe Erwartungen geknüpft. Diese wurden nicht enttäuscht. Der Medienwissenschaftler und auch bereits Ulrike Erdmann von der Plattform Kulturelle Bildung Brandenburg in ihrer Einführung zu diesem Komplex betonten, dass Kunst und Kultur Freiräume für Erfahrung und auch Irrtum schaffen müssten. Die Gesellschaft müsse auch Kindern das Recht auf Irrtum einräumen, so der begründete Appell von Dieter Wiedemann, und ihnen zudem mehr zutrauen, als das bei den zahlenmäßig leider überschaubaren Kinderfilmproduktionen häufig der Fall sei.

Nicht nur für jene, die noch nie beim jährlich im November stattfinden Festival des Osteuropäischen Films in Cottbus dabei waren, war das von Alfred Eichhorn geführte Interview mit Bernd Buder spannend, der anschaulich das Anliegen des Festivals schilderte. Ihm dürfte es gelungen sein, neue Freunde für dieses Festival gewonnen zu haben.

Fazit und Ausblick

Viele Fragen blieben offen, ja wurden vielleicht erstmals so deutlich formuliert, zum Beispiel, wo und mit wem eigentlich Europa stattfinden soll und zu welchem Zweck. Und welchen Anteil haben Kultur, Kulturpolitik und Kulturförderung, damit Europa als kulturelles Projekt gelingt? Welchen praktischen Nutzen hat dann in diesem Zusammenhang ein weiter Kulturbegriff?

Die Brücke vom Praktischen in Kulturpolitik und Kulturarbeit zum Programmatischen schlug gegen Ende der Konferenz noch einmal die Kulturwissenschaftlerin und Referentin der Bundestagsfraktion DIE LINKE Konstanze Kriese. Sie war es auch, die noch einmal das ausgezeichnete Miteinander von polnischen und deutschen Kulturexperten während dieser Konferenz zur Sprache brachte. Was wir schon gar nicht mehr pejorativ belegt als Provinz bezeichnen, das beinhaltet immer mehr auch Chancen:

Bei knappen Kassen kommen in der Provinz oft schneller und effektiver kreative Ideen als regelrechte Alternative ins Spiel. Ideen ersetzen fehlendes Geld. Das passiert in der Provinz öfter als in den Metropolen. Das könnte ein erstes Merkmal sein, um die Vorteile der Provinz zu kennzeichnen.

Das zweite Merkmal, eigentlich auch das Ziehen eines Vorteils aus einem Nachteil, könnte sein, dass – oft aus der Not heraus – starre Grenzen zwischen den einzelnen Kunstsparten und dem, was unter Soziokultur fällt, aufgehoben sind.

Auch im Verlaufe der bisher drei Konferenzen fiel auf, dass der oft festgefahrene Gegensatz zwischen freien und komplett staatlich und kommunal geförderten Theatern zumindest in Brandenburg so nicht existiert. Zum Beispiel die Uckermärkischen Bühnen Schwedt und die NEUE BÜHNE Senftenberg sind Bastionen der Hochkultur, der Kulturarbeit und der Sozial- und Bildungsarbeit. Das Dritte, um Vorteile kultureller Arbeit in der Provinz zu beschreiben, könnte sein, dass Finanzierung und Management, Kunstproduktion, Präsentation und Rezeption teilweise völlig neue Wege gehen, vorbei an eingefahrenen bürokratischen Verfahren, Förderrichtlinien oder Kämpfen um Besitzstandssicherung. Zu klugen Ideen ist inzwischen auch eine Schlauheit im Umgang mit kaum zu bewältigenden Förderrichtlinien und dem Antrags- und Abrechnungswesen für kulturelle Projekte gekommen. Dieser Umstand sollte aber nicht die Forderung nach Anpassung der EU-Förderprogramme, aber nicht nur dieser, an die Wirklichkeit ersetzen.

Das Vierte ist, dass in der Provinz beim praktischen kulturpolitischen Tun viel selbstverständlicher als in den Metropolen ein weiter Kulturbegriff angelegt wird. Im Unterschied zu dem wesentlich auf Kunst und Geist begrenzten Kulturbegriff 6 der hauptstädtischen Feuilletons bezieht sich der weite Kulturbegriff stärker auf die Lebenswelt, in der wir uns bewegen, die wir uns durch Arbeit und Zusammenleben geschaffen haben und ständig neu schaffen. Das gestaltende Element im Verhältnis der Menschen zueinander, zur Natur und zur bereits geschaffenen Kultur wird hier viel offensichtlicher. Es steckt im Begriff Kultur drin, dass Menschen nicht dazu da sind, sich Sachzwängen oder technologischen Prozessen bloß unterzuordnen, sondern im Gegenteil, Produktion und Verkehr nach menschlichem Maß zu formen.

Am Abend gab es dann „The Rocky Horror Show“ in einer Schwedter Inszenierung, die die ausgezeichnete künstlerische Qualität dieses inzwischen auf Musical spezialisierten Theaters verdeutlichte. Von den Konferenzteilnehmerinnen und Konferenzteilnehmern gab es stürmischen Beifall zum Abschluss.

Die Beiträge der Konferenz sollen mit Unterstützung der linken Europafraktion demnächst gedruckt erscheinen.

Die Konferenzreihe PROVINZ VERSUS PROVINZIALITÄT wird mit großer Wahrscheinlichkeit am 10. Mai 2014 im Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus fortgesetzt werden.

Informationen zu den bisherigen Kulturkonferenzen gibt es auf der Seite:

www.gerd-ruediger-hoffmann.de/kulturkonferenz