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Nachricht , : Ein Leben von glücklichen Zufällen bestimmt

Für Dieter Wiedemann (16. März 1946 – 30. Oktober 2025). Ein Nachruf von Gerd-Rüdiger Hoffmann

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Dieter Wiedemann wollte als Jugendlicher eigentlich Gartenbauarchitekt werden. Voraussetzung, um zum Studium angenommen zu werden, war eine Gärtnerlehre. Ein schwerer Unfall in einem Gewächshaus veränderte alles. „Ich musste mit 20 neu schreiben lernen, zuerst mit einer Schreibmaschine und dann mit links“, sagte er 2019 in einem Interview. Sein Leben sei immer wieder von Zufällen bestimmt worden, letztlich von glücklichen Zufällen, kann man und er selbst wohl auch angesichts der Dramatik einiger Zufälle nur zögerlich behaupten. Und doch war es so, und aus Wiedemann wurde zuerst ein Jugendarbeiter und Gründer eines Kellerjugendklubs in Suhl, hat „Kindergärtnerinnen ausgebildet in Sachen Kultur“, studierte Theaterwissenschaften in Leipzig, dann Wechsel nach Potsdam mit dem Schwerpunkt Film, Interesse für Kybernetik und Soziologie und weiterhin für Kunst, schließlich auch noch ein Aufbaustudium in Pädagogischer Psychologie als Basis für die Forschungen am Zentralinstitut für Jugendforschung Leipzig. Diese Vielseitigkeit als Medienwissenschaftler hat ihm viel Anerkennung gebracht. Schließlich wurde er Professor, dann Rektor und war über seine Pensionierung hinaus Präsident der Filmuniversität „Konrad Wolf“.

Dieter Wiedemann war ein international anerkannter Medienwissenschaftler. Seine Meinung, stets bestimmt und unaufgeregt vorgetragen, zählte in den zahlreichen Fachgremien und Jurys. Dogmatischen Ideologen und Marktfetischisten war er stets unbequem, in beiden von ihm erlebten Gesellschaftssystemen. Schwerpunkt und Lieblingsthema seiner jahrzehntelangen Arbeit waren Qualität, Förderung, Wirkung und Aufgaben von Kinderfilmen. Förderlich war dabei, dass er sowohl mit wissenschaftlicher Genauigkeit, ästhetischem Feingefühl und politischem Pragmatismus die jeweiligen Aufgaben anging. In seinem Vortrag auf einer Kulturkonferenz der Rosa-Luxemburg-Stiftung 2013 in Schwedt/Oder, auf der auch sein Freund Lothar Bisky sprach, wurde das Credo seiner Arbeitsweise und seiner Haltung sehr deutlich. Kunst und Kultur müssten Freiräume für eigene Erfahrungen und auch Irrtümer schaffen. Vor allem Kindern sollte das Recht auf Irrtum eingeräumt werden. Die Filmproduktion könnte hier Kindern und Jugendlichen durchaus mehr zutrauen als gegenwärtig im Kino und im Fernsehen zu erleben.

Dieter Wiedemann war Kuratoriumsmitglied der Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg und auch hier gefragter Ratgeber. Durch mutige Ideen verbunden mit der Mahnung, keine Luftschlösser bauen zu wollen, wurde er zu einer wichtigen Autorität in diesem Kreis. Ein angefangenes Projekt, in dem es um die Fortbildung von Erzieherinnen und Erziehern zum Thema „Gut und böse? Wertevermittlung im Kinderfilm“ gehen sollte, wird nun nicht mehr wie gedacht möglich sein. Die Lücke, die Dieter Wiedemann hinterlässt, wird so schnell nicht zu schließen sein.

Freunde und Kollegen trauern um einen herausragenden Wissenschaftler und Kulturarbeiter.
In Gedanken sind wir bei seiner Familie und wünschen viel Kraft.