Nachricht | Zwischen Pessimismus und Optimismus in Lateinamerika

Niklas Franzen und Raina Zimmering diskutierten über Brasilien vor der Wahl

v.l.: Raina Zimmering, Lucas Reinehr und Niklas Franzen

Am 2. Oktober wird in Brasilien gewählt. Nach 4 Jahren unter der Regierung von Jair Messias Bolsonaro, steht die brasilianische Linke vor der Herausforderung, nicht nur eine Abwahl des aktuellen Präsidenten zu erreichen, sondern auch das Land vor Autoritarismus zu retten, eine neue Sozialpolitik aufzubauen und Lateinamerika politisch zu stärken.

Die aktuelle Lage in Brasilien wurde am 15. September 2022 im Haus der Jugend in Babelsberg auf der Veranstaltung „Wahlen in Brasilien und die Folgen für Lateinamerika“ diskutiert – eine Kooperation der Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg mit der Berlin-Brandenburgischen Auslandsgesellschaft e.V. und mit dem WeltTrends e.V..

Bei einer interessanten Podiumsdiskussion wurden Brasilien und Lateinamerika von dem Journalisten Niklas Franzen und der Lateinamerikanistin Raina Zimmering thematisiert. Franzen, der neulich das Buch „Brasilien über alles: Bolsonaro und die rechte Revolte“ veröffentlicht hat, gab dem Publikum einen spannenden Überblick über die aktuelle Lage in Brasilien, die Vorgeschichte des Bolsonarismus und die Chancen Lulas - dem stärksten Kandidaten der brasilianischen Linken - bei der Wahl. Prof. Raina Zimmering ergänzte Franzens Beitrag mit interessanten Ansichten über andere lateinamerikanische Länder wie Chile und Kolumbien, wo momentan politisch ebenfalls viel in Bewegung ist – z.B. wegen der Niederlage des Verfassungsprozesses in Chile und des Sieges Gustavo Petros in Kolumbien.

Die Rolle der evangelikalen Kirchen, die Beteiligung der militärischen Kräfte und die Nutzung neuer Medien im Kulturkampf von rechten Gruppen waren Gegenstand der Diskussion, die von Lucas Reinehr (Freiwilliger der Rosa-Luxemburg-Stiftung) moderiert wurde. Lucas Reinehr ist für sein Freiwilliges Soziales Jahr von Brasilien nach Deutschland gekommen. Er ist Mitglied der brasilianischen Arbeiterpartei, in Brasilien engagiert in der Landlosenbewegung und konnte die Debatte durch seine eigenen politischen Erfahrungen und Einblicke bereichern.

Die brasilianischen Linkskräfte stehen während und nach der Wahl vor besonderen Herausforderungen. Die bolsonaristische Gewalt lässt die Lage noch komplizierter werden. Die Hauptaufgabe ist, Bolsonaro in der Wahl zu besiegen, aber das heißt nicht, dass der Bolsonarismus, seine Basis und die Gewalt plötzlich aus der Gesellschaft verschwunden sein werden.

Zwischen Pessimismus und Optimismus steht Brasilien an einer Kreuzung, die in verschiede Richtungen führt. Auf einer Seite, stehen Bolsonaro, seine Basis und die neoliberale Politik, die das Land in den Hunger gestürzt haben und auf der anderen Seite steht die Möglichkeit, eine neue Sozialpolitik zu erbauen. Damit Letzteres gelingen kann, muss jedenfalls die bolsonaristische Ideologie bekämpft und besiegt werden. Die Auswirkungen auf ganz Lateinamerika hängen davon ab, wie die neue Regierung die Beziehungen mit den Nachbarländern gestalten wird. Im aktuellen Kontext wäre es möglich, mit Lulas Strategie, Lateinamerika als politischen Block zu stärken.